Neue Vorwürfe gegen NRW-Innenminister Jäger und Justizminister Kutschaty

NRW-Innenminister Ralf Jäger muss sich mit Ärger herumschlagen. Die Parteifinanzen in seinem SPD-Unterbezirk in Duisburg bieten Anlass zur Kritik.
Die Geschichte beginnt vor etwa einem Jahr. Mitten im Wahlkampf um den NRW-Landtag gehen bei einigen Redaktionen, so auch bei der WAZ, anonyme Schreiben ein. Darin wird unter anderem dem SPD-Mann Jäger vorgeworfen, ein System mit aufgebaut zu haben, in dem SPD-beherrschte Städte entlang des Niederrheins der Krefelder Kanzlei des Anwaltes Lothar Vauth Aufträge zugeschanzt haben sollen. Im Gegenzug soll der Anwalt SPD-Kandidaten mit Spenden versorgt haben. Die Vorwürfe können damals nicht belegt werden, die anonymen Schreiben werden beiseite gelegt.
Erst heute werden die tatsächlichen Hintergründe bekannt. Der WAZ-Mediengruppe liegen mehrere tausend Seiten Ermittlungsprotokolle vor, darunter Kontoauszüge des Rechtsanwalt Lothar Vauth sowie der Schriftverkehr zwischen seiner Kanzlei und mehreren kommunalen Betrieben. Daraus lässt sich gleich für mehrere Städte ein zumindest enger zeitlicher Zusammenhang zwischen Parteispenden und Beratungsaufträgen nachweisen. Besonders dicht sind die Belege im Fall Duisburg.
Innerhalb seiner Kanzlei war die Macht von Vauth nahezu unumschränkt. Er hatte den größten Anteil an der Sozietät. Er holte den größten Umsatz herein. Er bestimmte, wer einsteigen durfte. Und Vauth kümmerte sich um neue Geschäftsfelder. Irgendwann im Verlauf des Jahres 2007 kam er auf die Idee, gezielt bei kommunalen Betrieben Aufträge einzuwerben, berichten ehemalige Vertraute. „Vauth war ein Meister darin, Mandate zu organisieren“, sagt ein Ex-Partner: „Sein Ziel war es, die größte Kanzlei am Niederrhein aufzubauen.“ Bei seiner Suche nach kommunalen Aufträgen setzte Vauth auf seine SPD-Verbindungen. Er selbst war Landratskandidat der Sozialdemokraten im Kreis Viersen.
Vauth ging die Sache systematisch an, wie sich ein ehemaliger Mitarbeiter erinnert. „Wir saßen zusammen und überlegten, wie man die kommunalen Betriebe am Besten ansprechen kann.“ Die Parteifreunde sollten als Türöffner dienen. Im Gegenzug sollten sie nicht leer ausgehen, erinnert sich einer der Ex-Kollegen von Vauth. Der Anwalt sei durchaus zu Spenden bereit gewesen: „Wir haben überlegt, wer am besten für welchen Kandidaten spendet.“
Viele Parteispenden aus der Kanzlei von Vauth lassen sich heute nur schwer nachweisen. Das Geld wurde in sehr seltenen Fällen von den Kanzleikonten abgebucht. Häufiger spendeten Anwälte privat.
Im Fall Duisburg lässt sich die Geschäftsanbahnung besonders gut nachzeichnen. Wie aus einem internen Aktenvermerk der Gesellschaft für Beschäftigungsförderung mbH (GfB) hervorgeht, empfahl Innenminister Ralf Jäger persönlich die Kanzlei von Vauth als Gutachter und Berater.
Die beiden SPD-Männer kannten seit Juso-Tagen. Sie trafen sich unregelmäßig auf Parteiveranstaltungen im Parteibezirk Niederrhein. Jäger vertraute Vauth selbst in privaten Dingen. So beauftragte der heutige Innenminister den Rechtsanwalt damit, ihn in einer delikaten Verkehrsangelegenheit diskret zu vertreten. Die Führerschein-Sache hätte seine politische Karriere im Wahlkampf beschädigen können.
Nun sorgte Jäger als eine Art Türöffner für den Kontakt zwischen dem Geschäftsführer der GfB, Ingo Schachta, und dem Krefelder Anwalt. Und die GfB beauftragte in der Folge die Kanzlei von Vauth mit gleich fünf Gutachten, wie aus internen Unterlagen der GfB hervorgeht. Dabei ging es Praktikumsvereinbarungen, einen Kooperationsvertrag, um Arbeitnehmerüberlassungen, Sprachfördermaßnahmen und „weitere Geschäftsfelder.“ Die Gutachten wurden alle im Herbst 2008 von Vauth in Rechnung gestellt, gleich vier davon am 22. Oktober. Gesamtsumme: 17374 Euro.
Das Geld für die Beratungen wurde auf das Kanzlei-Konto 1221209 bei der Commerzbank überwiesen. Auf dieses Konto hatten nur Vauth und seine Frau Zugriff. Am 17. Dezember 2008 wurden von diesem Konto 6000 Euro in bar abgehoben. Am gleichen Tag wurden 14500 Euro in Bar auf das Kanzleikonto 0211888 bei der Deutschen Bank in Krefeld eingezahlt. Davon gingen 8000 Euro unmittelbar als Miete ab. Weitere 6000 Euro wurden am 22. Dezember an den Unterbezirk der SPD in Duisburg überwiesen. Dieses 6000 Euro waren als Spende eines Rechtsanwaltes aus der Kanzlei von Vauth an die SPD deklariert.
Ein ähnlicher Vorgang wiederholte sich nahezu gleichzeitig von einem anderen Konto der Kanzlei. Diesmal wurden 3000 Euro unter der Namensangabe eines weiteren Rechtsanwaltes an die SPD Duisburg gespendet.
Das besondere daran: der heutige Innenminister Ralf Jäger ist Aufsichtsratschef der GfB. Er ist gleichzeitig Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Duisburg.
Waren die Spenden an die SPD ein Dankeschön für die Beraterverträge? Hat eine Hand die andere gewaschen? Jäger möchte sich zu den Details der Sache nicht öffentlich äußern. Nur soviel: er habe Vauth der GfB empfohlen, weil deren Geschäftsführer nach einer guten Kanzlei gefragt habe.
Wie dem auch sei. Die SPD konnte die Spende aus der Kanzlei von Vauth jedenfalls gut gebrauchen. Aus einem Parteiinternen Papier geht hervor, dass die SPD im vergangenen Kommunalwahlkampf sehr klamm war: „An vielen Orten ist es für die Partei schwierig, die Kosten von Wahlkämpfen zu stemmen. Dementsprechend wird an vielen Orten nach Wegen gesucht, weiteres Geld aufzutreiben.“
Die Kanzlei von Vauth war allerdings der falsche Ort, um Geld zu holen. Beide Rechtsanwälte, die auf dem Überweisungsträger aus der Kanzlei als SPD-Spender ausgewiesen waren, bestritten schriftlich jemals Geld an die Genossen gespendet zu haben. Sie zeigten Kanzleichef Vauth wegen Untreue an. Über 300.000 Euro waren aus der Sozietät mit unbekanntem Ziel verschwunden. Die Partner warfen Vauth in einer Strafanzeige unter anderem vor, versucht zu haben ein „System“ zu etablieren, mit dem der SPD am Niederrhein Spenden als Gegenleistung für Kommunalaufträge zugeschustert werden sollten. Erschreckt überwies die SPD in Duisburg insgesamt 9000 Euro zurück an die Kanzlei. Damit sei der Fall erledigt, heißt es aus dem Umfeld von Innenminister Jäger: „Es gibt nicht mal eine Suppe, in der ein Haar zu finden wäre.“
Tatsächlich stellt die Staatsanwaltschaft Krefeld die Ermittlungen in Sachen Spenden an die SPD schnell ein. Aber ausdrücklich nicht, weil an der Sache nichts dran ist, sondern weil Vauth wegen Untreue-Straftaten verfolgt wird, gegen die illegale Parteispenden nicht ins Gewicht fallen. Für die SPD war das gleich zweifach gut. Einmal suchte niemand in Duisburg nach Verantwortlichen im Vorgang GfB rund um Jäger, die einer Beihilfe zur illegalen Parteienfinanzierung schuldig sein könnten.
Und es gab niemanden, der nachspürte, warum auch andere kommunale SPD-Würdenträger Geld an die Kanzlei von Vauth überwiesen haben und von wem sie Spenden kassierten.
Auf eine Anfrage der WAZ sagt Jäger heute offiziell: „Ich tue alles, um den Sachverhalt möglichst schnell aufzuklären.“ Ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer werde die Aufträge der GfB an die Kanzlei von Vauth überprüfen. Spenden an Parteien dürften nämlich nicht aufgrund von Aufträgen erfolgen. „Deshalb habe ich Justizminister Thomas Kutschaty gebeten, dass die Staatsanwaltschaft die erhobenen Vorwürfe untersucht.“
Allerdings hat gerade der NRW-Justizminister in der Causa bis jetzt keine gute Figur gemacht. So referierte Kutschaty (SPD) am 23. März 2011 im Rechtsausschuss des Landtages über den Fall: aus den Ermittlungsakten der Krefelder Staatsanwaltschaft gehe hervor, dass kommunale Betriebe keine Beratungs- oder Gutachteraufträge an Vauth vergeben hätten. Kein Unternehmen habe eine Rechnung erhalten und es seien auch keine Rechnungen beglichen worden.Zumindest im Fall der Duisburger GfB und ihres Aufsichtsratschef Ralf Jäger, Innenminister von NRW, stimmt das so nicht.
Heute sagt Justizminister Kutschaty öffentlich, er werde die kommunalen Zahlungen mit der Bitte um kurzfristigen Bericht „prüfen lassen“.
Anwalt Vauth ist derzeit erkrankt. Sein Anwalt konnte kurzfristig keine Stellungnahme abgeben.
Wir recherchieren weiter.
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