Wieder mehr PCB im Envio-Umfeld – Regierungspräsident greift Hagener Behörde an

19. Mai 2011 von | Keine Kommentare

Das Envio-Logo - nur noch ein Schatten

Der Glanz von früher ist längst verblasst: Heute vor einem Jahr wurde die Dortmunder Skandalfirma Envio stillgelegt.

Die Giftwerte im Dortmunder Hafen steigen wieder an. Die Sanierung des PCB-verseuchten Envio-Geländes stockt. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ziehen sich. Ein medizinisches Experiment soll extrem vergifteten Arbeitern helfen. Die Envio AG ist von Dortmund nach Hamburg gezogen. Eine Bestandsaufnahme, ein Jahr nach Stilllegung der Firma, die den bundesweit größten PCB-Skandal der letzten Jahrzehnte verantwortet.

Das Landesumweltamt ist beunruhigt. Die jüngsten Staubmessungen im Dortmunder Hafen zeigen „deutliche Anstiege“ von krebserregendem PCB und Nickel. Darauf reagiert Regierungspräsident Gerd Bollermann (SPD). Dass die Giftkurve „trotz der Stilllegung von Envio“ wieder ansteige, sei nicht hinzunehmen. Er befürchte, „dass das mühsam zurück gewonnene Vertrauen der Bevölkerung aufs Spiel gesetzt wird“, schreibt Bollermann in einem Brief an die Oberbürgermeister von Dortmund, Bochum und Hagen.

Die drei Städte werden von einer gemeinsamen Unteren Umweltschutzbehörde betreut, die in Hagen sitzt. Bollermann nimmt sie ins Visier. Sein Vorwurf: Sie bekomme vor allem die Firma Interseroh nicht in den Griff, die „als Hauptquelle verantwortlich“ sei für das neuerliche Gift in der Hafenluft. Bollermann macht Druck  und „erwartet Maßnahmen“. Schon seit Monaten sei die Untere Behörde „tätig, ohne dass zwischenzeitlich dauerhafte Verbesserungen festgestellt werden konnten“. Etwas Greifbares hätten die Hagener „bisher nicht präsentiert“. In dem gescholtenen Amt zittern schon einige. Personelle Konsequenzen seien nicht ausgeschlossen, heißt es.

Auch anderswo wächst die Ungeduld. „Wo bleiben die Schneider-Stellen?“, fragt DGB-Regionalchefin Jutta Reiter. Sie meint jene 60 zusätzlichen Stellen, die Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) für den Arbeitsschutz im Lande versprochen hat. In Arnsberg sei noch keine angekommen. Der DGB fordert zugleich mehr Tempo bei der Geländesanierung und den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Doch beides wird noch dauern. Allein die Ausschreibungen für die Sanierungen können sich bis in den Herbst ziehen. Die Staatsanwaltschaft Dortmund „strebt einen Verfahrensabschluss für den Sommer 2011 an, falls nicht noch etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt“.

Für den Sommer kündigt sich auch ein weltweit einmaliger Therapieversuch an. Den sechs höchstbelasteten Envio-Opfern soll geholfen werden. Prof. Thomas Kraus vom Aachener Uni-Klinikum will bei ihnen einen kompletten Blutaustausch testen – so oft und so lange, bis das PCB aus dem Körper verschwunden ist. Ob das funktioniert, weiß Kraus selbst nicht. „Es ist ein Experiment“, sagt er. Die Ethik-Kommission des Aachener Uni-Klinikums muss dem erst zustimmen.

Unterdessen hat Envio den Sitz der Aktiengesellschaft verlegt. Die AG steht seit 28. März im Handelsregister Hamburg. Der Empfang in der Hansestadt: nordisch-kühl. „Nur eine Briefkastenfirma“, sagt die Umweltbehörde. Man habe schon ein Auge darauf. Geschäftliche Aktivitäten am neuen Standort dürften der Firma schwerfallen. „Sobald die anfangen zu handeln, sind wir da.“ Dortmund bleibt Envio erhalten. Eine ganze Reihe verzweigter Unterfirmen ist weiter im Hafen gemeldet.

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