In eigener Sache: Nachrichten aus anonymen Quellen

29. Juli 2011 von | 1 Kommentar

Seit gut einem halben Jahr betreibt die WAZ-Mediengruppe ein Upload-Portal im Internet, über das Menschen anonym Kontakt zur hausinternen Recherche-Redaktion aufnehmen können. Das Portal ist das erste seiner Art in einem deutschen Medium. Zeit eine Bilanz zu ziehen.

Das anonyme Upload-Portal der WAZ-Mediengruppe ist ein Erfolg. Nahezu täglich kommen Geschichten herein, die in den vielen Redaktionen des Hauses verwertet werden. Dabei geht es nicht immer um die große Story. Oft ist genau das Gegenteil der Fall: Zeugen berichten von dubiosen Vorgängen aus ihrer Umgebung vor Ort. Sei es im Amt, oder in der eigenen Partei. Sie wissen nicht genau, ob ihre Beobachtungen einen Skandal beschreiben, oder einfach nur einen seltsamen Vorgang. Sie wenden sich über das Portal an die Recherche-Redaktion, damit diese die Beobachtungen nachprüft.

Nicht selten geht es um lokale Vorgänge, die einen erheblichen Skandal beschreiben. Etwa die Story über interne Streitigkeiten und den Vorwurf des Stimmenkaufs innerhalb der Hagener SPD. Oder Missbrauch in einem Altersheim. Giftbelastungen in einer Bottroper Grundschule, oder einen neuen Rockertreff.

Andere Geschichten jedoch, die über das anonyme Upload-Portal hereinkommen, entpuppen sich auf den zweiten Blick als weniger brisant, als ursprünglich angenommen. Etwa bei der Geschichte über eine Herner Bürgermeisterin, die nicht in ihrer Heimatstadt wohnt, sondern eine Unterkunft in Bochum bezogen hat. Auf den ersten Blick ein lokaler Skandal. Eine Bürgermeisterin muss in ihrer Stadt wohnen. Das sagt die Gemeindeordnung. Erst bei der Recherche relativiert sich die Sache: Die Bürgermeisterin hat in der Nachbargemeinde schlicht einen Nebenwohnsitz, weil sie in dieser Gemeinde studiert. Nichts Großes also, auch nicht in einer Lokalzeitung, aber ein Vorgang, den man öffentlich erklären muss, um üble Nachreden zu beenden.

Doch nicht nur lokale Geschichten kommen über das anonyme Upload-Portal herein. Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Verkauf des Kraftwerkbetreibers STEAG an die Stadtwerke im Ruhrgebiet konnten brisante, interne Informationen über den Deal gewonnen werden. Bei den Recherchen über die mangelnde Sicherheitsvorsorge im Weltkulturerbe Zollverein kamen wichtige TÜV-Berichte über das Portal herein. Bei den umfangreichen Recherchen zur SPD-Spendenaffäre um NRW-Innenminister Ralf Jäger lieferten anonyme Informanten wichtige Hinweise. Und auch im Zuge der Berichte über ein Stahlkartell, das jahrelang die Bahn ausgenommen hat, kamen Infos über das anonyme Upload-Portal. Selbst bei den Recherchen über den Envio-Skandal kamen Dokumente aus dem Dortmunder Rathaus über diese Quelle in die Redaktion, genauso wie entscheidende Tipps zum möglichen Bruch des Beichtgeheimnisses im Essener Bistum. Alle diese Informationen führten zu Geschichten, die Nachhall in NRW hatten.

Dabei war das Upload-Portal von Anfang an auch umstritten. Ist es ethisch vertretbar, dass anonymen Informanten einfach Dokumente in die Redaktion kippen dürfen? Oder öffnet die Redaktion damit nicht die Tür für Denunzianten.

Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Befürchtungen unberechtigt sind. Die WAZ-Mediengruppe bläst keine ungeprüften Informationen heraus. Blindes Anschwärzen verfängt nicht. Stattdessen werden die Geschichten bis zu Ende recherchiert und entsprechend des Medienkodex veröffentlicht. In diesem Sinne unterscheidet sich das anonyme Upload-Portal nicht von einem klassischen Briefkasten. Auch über die Post können anonyme Informationen zugespielt werden. Und niemand würde deswegen glauben, die Post öffne Denunzianten das Tor. Im Gegenteil: das Upload-Portal bietet zweifelnden Menschen, die in ihrer Organisation Missstände beobachten, die Möglichkeit, brisante Informationen in verantwortungsvolle Hände zu legen.

Nicht immer veröffentlicht die WAZ-Mediengruppe dabei die Dokumente, die über das Upload-Portal eingehen. Auch das hat seinen Grund: nach dem Medienkodex müssen Informanten geschützt werden. Denn diese Menschen riskieren zum Teil ihr persönliches Schicksal, um Missstände aufzuklären. Nicht nur aus diesem Grund ist für die WAZ-Mediengruppe der Datenschutz ein hohes Gut. Es gilt auch staatliche oder private Geheimnisse zu bewahren, wenn diese schützenswert sind und nicht im öffentlichen Interesse gebrochen werden müssen, weil sonst ein Skandal vertuscht würde.

Die Idee, als Medienunternehmen ein anonymes Upload-Portal zu führen, findet in Deutschland immer mehr Nachahmer. Und nicht nur das. Auch Unternehmen richten anonyme Upload-Portale für so genannte Whistleblower ein: Menschen, die Fehler und Mißstände korrigieren wollen.

Diese Entwicklung ist gut. Je transparenter und verantwortungsvoller unsere Gesellschaft wird, desto schwieriger wird es, Macht zu missbrauchen.

1 Kommentar zu diesem Beitrag

  1. #1

    [...] – top down oder bottom up?” stellt ab 15:00 Uhr David Schraven die Arbeit des WAZ Rechercheteams [...]

    Live-Blog – Projektpräsentation: WAZ Rechercheteam » quergewebt am 16. November 2011 um 15:45

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