Leichtathletik-Weltrekorde – und was sie mit Doping zu tun haben

6. September 2011 von | 3 Kommentare

Sogar Usain Bolts jüngster Rekord ist schon drin: Mehr als 2000 Weltrekorde hat der Finne Jens Finnäs – super Name für einen Finnen – für sein Projekt verarbeitet und ich finde, es hat sich gelohnt. Finnäs hat alle Leichtathletik-Weltrekorde fast aller Disziplinen handlich visualisiert.

Die Weltrekord-Entwicklung im Vergleich. Hier: 100 Meter und 10000 Meter der Männer. / screenshot von jensfinnas.com/dataist/wr_progression/

Die Weltrekord-Entwicklung im Vergleich. Hier: 100 Meter und 10000 Meter der Männer. / screenshot von jensfinnas.com/dataist/wr_progression/

Mit Ausnahme von Marathon und Gehen hat Finnäs in seiner Anwendung alle Weltrekorde aufgenommen (auf meine Nachfrage hin will Finnäs die beiden vielleicht noch aufnehmen). Das veranschaulicht die Entwicklung der Weltrekorde sehr gut, man kann Disziplinen vergleichen oder die Veränderungen bei Frauen und Männern.

In seinem Blog erklärt Finnäs, 27 Jahre und aus Helsinki, wie er die Daten verarbeitet hat. Finnäs kopierte die Daten aus dem 2009 zur WM in Berlin erschinenen Statistik-Handbuch der IAAF (hier als pdf) und versuchte sie bei Excel in Form zu bringen. Alle seit 2009 neu erzielten Weltrekorde trug Finnäs nach, auch die Jamaikaner am vergangenen Sonntag.

Finnäs erklärt auch, mit welchen Programmen er die Daten visualisiert. Für mich als Datenjournalismus-Anfänger ist das Fachchinesisch, aber es hört sich an, als könne man sich vergleichsweise schnell einfinden.

Datenjournalismus an sich ist super. Auch wenn Finnäs Vergleich erstmal nur eine Spielerei mit Weltrekorden ist, es lassen sich auch viele andere gute Sachen machen. Wer mehr wissen will, ist bei Lorenz Matzat oder Christiane Schulzki-Haddouti gut aufgehoben.

Der Sport ist für Datanerds eine tolle Spielwiese. Im Gegensatz zu brisanten Daten bei harten Recherchen sind einfache Zahlen und Fakten im Sport sehr leicht zugänglich. Die New York Times hat das 2008 mit einem Vergleich der Rekordentwicklung schon einmal vorgemacht. Dort sind nicht nur einige Leichtathletik-Rekorde, sondern auch ausgewählte Disziplinen im Schwimmen, Radsport, Schießen und Gewichtheben aufgearbeitet. (Den Link dazu habe ich bei Finnäs gefunden)

Und was ist mit Doping?

Achja: “Die Frage ist, ob man daraus Doping lesen kann” – Das war die erste Frage, die ich bei Facebook als Reaktion auf den Link zu Finnäs’ Visualisierung bekam. Und auch bei Finnäs fragt ein Leser, ob die Anzahl der Doping-Tests mit der Entwicklung korreliert. Die Daten laden zu Spekulationen ein. Einige wissenschaftliche Anhaltspunkte bietet das Buch “Doping im Spitzensport” von Andreas Singler und Gerhard Treutlein aus dem Jahr 2000, dass es kostenlos bei Google Books zu lesen gibt.

Singler und Treutlein befassen sich in ihrem Buch unter anderem mit dem Einfluss von Doping auf die Leistungsentwicklung. Sie schreiben, dass “Doping und Dopingkontrollen zwar nicht die einzigen, aber spätestens seit den 60er Jahren wesentlichen Ursachen von Leistungsentwicklungen waren”. Einige Punkte:

- die stärkste Leistungsentwicklung in der Leichtathletik war in den frühen Siebziger Jahren. “Sie fiel bei den Frauen stärker aus als bei den Männern, weshalb eine Beschleunigung durch Anabolikadoping anzunehmen ist” (Seite 52)

- besonders auffällig ist laut Singler/Treutlein, wenn in einer ganzen Disziplingruppe wie den Würfen eine gleichzeitige Entwicklung einsetzt. In den USA habe dies Ender 1950er Jahre stattgefunden, was etwa mit der Einführung des fast ausschließlich verwendeten Anabolikums Dianabol zusammenfällt (Seite 85/90)

- “In verschiedenen Disziplinen (…) sind viele Leistungsentwicklungen im betrachteten Zeitraum (ca. 1960-1990) atypisch (…). Leistungsaufschwünge können zumindest zum Teil auch auf Doping, Leistungseinbrüche wie nach 1989/1990 auf die Effektivierung der Dopingbekämpfung zurückgeführt werden.” (Seite 80)

- die Leistungseinbrüche um 1990 wurden in Jahren danach laut Singler/Treutlein wieder nach oben korrigiert, was für die verstärkte Verwendung von Epo und Wachstumshormonen spreche. Ein Beispiel ist der Ausdauersport: Die Entwicklung der Langstreckenweltrekorde war nach der Verbreitung von Eop in den 1990er Jahren besonders krass. (u.a. Seite 30)

Das Fazit von Singler/Treutlein: “Leistungsentwicklungen können, wie gezeigt wurde, erste Aufschlüsse vermitteln, die auf Doping (…) hinweisen. (…) Für den DDR-Leistungssport kann der Zusammenhang zwischen Doping und Leistungsentwicklung recht deutlich nachgewiesen werden. Für andere Länder ist der Zusammenhang weniger deutlich, zumal auch entsprechende Dokumente fehlen. (…) Sowohl überragende Einzelleistungen als auch große Leistungsverbesserungen auf breiter Ebene sind meist eindeutig durch solche Formen der Manipulation erklärbar. (…) Bestimmte Leistungsentwicklungen auf Doping zurückzuführen, bleibt jedoch weiterhin problematisch, und dies umso mehr, je individueller solche Zuwächse zu Stande gekommen sind.”

Das Buch von Singler/Treutlein kann ich nur empfehlen, dort finden sich zahlreiche spannende Infos und Interpretationen zu Doping im Spitzensport.

Aufmerksam geworden bin ich auf die Seite von Finnäs übrigens durch den Twitter-Account der Sportredaktion von Zeit-Online.

3 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. #1

    Ha, und der Bundestags-Sportausschuss hat gerade Geld für doping-Kontrollen erheblich gekürzt. Gibt es auch eine wissenschaftliche Studie, wieviele Sportler aufgrund des Dopings ihrer Konkurrenten betrogen worden sind?

    Aber die studie des finnen ist toll, so etwas habe ich lange gesucht.

    sportliche Grüße,

    Jan

    Sportwissenschaft am 13. September 2011 um 18:21
  2. #2

    Hi Jan. Hatte deinen Kommentar grad auch bei Jens Weinreich gelesen. Ich glaube, so eine wissenschaftliche Studie kann es nicht geben. Aber die Kürzung der Mittel ist natürlich lächerlich. Super dazu ist dieser Text inklusive Original-Brief bei Jens von Grit Hartmann. Auf Bald!

    Daniel Drepper am 13. September 2011 um 19:06
  3. #3

    Wie sehr auch Freizeit Fussballspieler nach einer Leistungssteigerung durch Dopingmittel suchen zeigt sich in einer Frage, die man hier findet:
    http://www.sportlerfrage.net/frage/was-ist-das-beste-legale-dopingmittel-um-beim-fussball-topleistung-zu-erbringen

    Michi am 26. September 2011 um 14:36

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