Nazis in Dortmund: Eine Art Klassentreffen

2. September 2011 von | 6 Kommentare

Der in Mecklenburg-Vorpommern ansässige Neonazi Christian Worch organisiert regelmäßig in Dortmund die Antikriegstage mit. Ein Aufmarsch von Neonazis aus dem Osten und dem Westen / Foto: Franz Luthe

Der in Mecklenburg-Vorpommern ansässige Neonazi Christian Worch organisiert regelmäßig in Dortmund die Antikriegstage mit. Ein Aufmarsch von Neonazis aus dem Osten und dem Westen / Foto: Franz Luthe

Für den Dortmund Oberbürgermeister Ulrich Sierau (SPD) ist die Sache klar. Seine Stadt sei „keine Hochburg“ der Nazis. Die regelmäßigen Demos, die Übergriffe und Aktionen der Neo-Faschisten, all das gehe von Leuten aus, „die herangekarrt werden und die mit Dortmund nichts zu tun haben.“ In der Stadt selbst: nur ein „kleines Häuflein“ Nazis, „verunsichert“, ob der ständig enger werdenden Räume. So einfach ist das in den Augen des Dortmunder Oberbürgermeisters.

Doch draußen, auf der Straße, sieht die Realität ein wenig anders aus. Hinter den regelmäßigen Demos in der Stadt stecken keine auswärtigen Nazis, die nur zufällig nach Dortmund kommen, weil die Gemeinde so bequem an der Autobahn liegt. Die Nazis können sich in Dortmund auf ein Netzwerk stützen, in dem Gewalttäter den Ton angeben. Erst vor wenigen Tagen beschossen Unbekannte das Bio-Cafe „Aufbruch“ in Dortmund-Hörde. Verletzt wurde niemand. Die Polizei glaubt an Täter aus dem rechten Milieu. Der Staatsschutz ermittelt.
Ein Knotenpunkt im Nazi-Netz findet sich im Stadtteil Dorstfeld – ganz in der Nähe der Uni. Dort baut die „Skinhead Front Dortmund Dorstfeld“ ihre Herrschaft um den Steinauweg aus. Bewohner von Dorstfeld berichten von regelmäßigen Straßenfesten der Nazis, von Sieg-Heil-Rufen in der Nacht. Von Einschüchterungen und Bedrohungen. Die Bewohner haben Angst genannt zu werden. Sie haben Angst davor, nachts Besuch zu kriegen. Sie schweigen deshalb.

Überall sind hier in der Gegend die Spuren der Skinhead-Front zu sehen. Ihre Sticker tauchen überall auf. Diese Klebe-Bilder an Laternenpfählen, die das Revier der Rechten markieren sollen. Marschierende Springerstiefel mit dem Slogan: „Dorstfeld bleibt deutsch.“
Doch dabei bleibt es nicht. Mit schwarzen Klamotten marschieren die Nazis durch das Viertel. Beanspruchen den Raum. Und zwar nicht nur durch Präsenz. Immer wieder fällt die Skinhead-Front mit Gewalt auf. Im Februar 2009 griffen Mitglieder der Skinheadfront Menschen in der Raststätte „Rabensteiner Wald“ an. Die Skinhead-Front war beteiligt auf den einzigartigen Überfall auf die 1. Mai Demonstration des DGB in Dortmund. Und ihre Leute waren auch im Winter dabei, als ein Nazi-Messerstecher bei einem Überfall auf die Dortmunder Kneipe „Hirsch-Q“ wahllos Menschen verletzte. Jetzt kurz vor der Demo häufen sich die Attacken. Fast täglich gibt es gewalttätige Angriffe der Nazis. Samstag sollen über 1000 nach Dortmund kommen.

Bei einem Blick in die Szene wird klar, dass in der Skinhead-Front keine Kinder ihre wirren Phantasien austoben. Dort sind Kriminelle versammelt, die internationale Beziehungen zu Rassisten etwa in Holland pflegen, die sich auf ein Nazi-Netz in ganz Deutschland stützen.
In der Skinheadfront taucht zum Beispiel immer wieder Sven Kahlin auf. Der Mann wurde erst vor wenigen Monaten vorzeitig aus der Haft entlassen. Dort hatte er gesessen, weil er den Punker Schmuddel in der Dortmunder U-Bahn erstochen hat. Nach seiner Freilassung tritt Kahlin immer wieder als Redner bei Nazi-Demos auf und lässt sich auf der Straße in Dorstfeld als ehemaliger politischer Gefangener feiern.
Ein anderes Idol der Skinhead-Front ist Michael Krick. Dieser aus Arnsberg stammende Nazi ist auffällig tätowiert, auf seinem Kehlkopf prangt ein schwarzes Kreuz im schwarzen Quadrat. Er hat lange in Dortmund gewohnt, bevor er nach Holland umzog.

Krick war einer der Freunde des Dortmunder Polizistenmörders Michael Berger, der drei Beamte in Dortmund und Waltrop erschoss, bevor er sich selbst richtete. In Kricks Dortmunder Wohnung wurden anschließend Flyer beschlagnahmt mit dem Text: „Berger war ein Freund von uns! 3:1 für Deutschland.“

Auch nach seinem Umzug nach Holland ist Krick weiter in der rechten Szene aktiv. Nach Recherchen des Autoren Bruno Samisdat ist Krick mit den Mitgliedern der Nazigruppe „Blood & Honour Netherlands“ verbunden und gilt als führendes Mitglied des niederländischen „Combat 18“-Ablegers „Racial Volunteer Force“. Die Skinhead-Front hält zu ihrem Idol. Wenn Krick mal wieder in Haft sitzt, fordern sie „Freiheit für den politischen Gefangenen.“ Zuletzt als Krick einsaß, weil er in Papendrecht einen Afrikaner auf offener Straße niedergeschlagen hat. Ermittler rechnen damit, dass am Samstag aus Holland wieder etliche Nazis nach Dortmund kommen.

Damit nicht genug. Die Skinhead-Front pflegt Kontakte zu den Nazis im Osten Deutschlands, um Erfahrungen im Kampf gegen die Demokratie auszutauschen. Der Versammlungsleiter der Dortmunder Nazi-Demo am Samstag ist der bundesweit bekannte Neonazi Christian Worch aus Mecklenburg-Vorpommern. Das Netz der Nazis reicht weit.

Vor der Dortmunder Polizei haben die Nazis keine Angst. Im Gegenteil. In einem Flugblatt drohten die Nazis den Beamten schon vor einiger Zeit: „ Nach jahrelanger Arbeit waren wir in Dortmund eigentlich soweit, dass eine friedliche Koexistenz zwischen Bullen und unseren Aktivisten möglich war.“ Leider sei jetzt wieder „verstärkter Druck“ zu spüren. Und weiter: „Sollten die Bullen sich weiterhin unkooperativ zeigen, werden wir uns gezwungen sehen, auch unsere Agitation in diesem Themengebiet zu erhöhen!“ Die Beamten in Recklinghausen wüssten, wie das ist, mehrere Wochenenden nacheinander Überstunden zu schieben. „Es kommt ganz darauf an, welchen Kurs die Bullen in Dortmund fahren wollen.“

Kurz nachdem Dortmunds Oberbürgermeister Sierau gesagt hat, dass in Dortmund die Räume für die Nazis enger würden, verteilte gut ein dutzend Rechtsradikaler rassistische Flugblätter vor dem Dortmunder Rathaus. Die Nazis freuen sich halt auf die Demo am Samstag. Für sie ist der Marsch eine Art Klassentreffen.

6 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. #1

    [...] Naziaufmarsch 3.9.: Das Netz der Neonazis in Dortmund…WAZRecherche-Blog [...]

    Der Ruhrpilot | Ruhrbarone am 2. September 2011 um 08:33
  2. #2

    [...] Nazis in Dortmund: Eine Art Klassentreffen (DerWesten Recherche) [...]

    Links anne Ruhr (02.09.2011) » Pottblog am 2. September 2011 um 08:45
  3. #3

    [...] web: Die Neonazi-Szene in Dortmund [...]

    Nazi-Demos in Dortmund am 2. September 2011 um 11:31
  4. #4

    Sorry, aber ihr gebt diesen Hirnlosen rechten Gebilden das, was sie wollen: Aufmerksamkeit!
    Nachher laufen dann so ein paar noch blödere Spinner rum, sind vermummt, schmeißen Steine und schreien Linke Parolen. Dann kann ich wenigstens wieder mal ein paar Monate versuchen, den Leuten zu erklären, daß Links nicht gleich Autonom ist.
    Wie wäre es, wenn ihr diese Spinner endlich mal ignoriert

    kalif am 3. September 2011 um 02:06
  5. #5

    [...] umgegangen ist und was alles in Dortmund möglich war.  Als “friedliche Koexistenz”   beschreiben die Nazis selbst  ihr Verhältnis zur [...]

    Dortmund: Blockaden zwangen Nazis zur Routenänderung | Ruhrbarone am 4. September 2011 um 18:16
  6. #6

    Ja die Nazis… Steineschmeisser

    Weltreisender am 15. September 2011 um 10:53

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