Doping-Workshop der NADA: Hajo Seppelt und Normann Stadler

28. Oktober 2011 von | Keine Kommentare

Doping ist immer Thema, besonders für Journalisten. Was gibt es Neues? Die Nationale Anti Doping Agentur hat gestern mit einem Workshop versucht, mich und Kollegen gestern darüber aufzuklären. Ein paar Einblicke soll es auch für die Leser dieses Blogs geben. Eine Zusammenfassung.

Rückblick auf den Umbau der NADA: Hanns Michael Hölz ist Aufsichtsratsvorsitzender der NADA und erklärt noch einmal den Umbau, den die NADA im Vorjahr durchgemacht hat. Der ehrenamtliche Vorstand wurde abgelost, stattdessen gibt es jetzt einen hauptamtlichen Vorstand und ein Kuratorium. Die NADA soll damit transparenter werden und effektiver. In der Umbauzeit gab es vor einem Jahr ziemlich viel Stress. Hanns Michael Hölz stand in der Kritik, weil ein Geschäftsführer nach dem anderen verbraucht worden war. Hölz sagte jetzt: Ja, ich habe mich in die Arbeit der NADA eingemischt, aber nur, um den nötigen Umbau voranzutreiben. Damals hatte die kommissarische Leiterin und designierte Vorsitzende Anja Berninger das Handtuch geworfen und Hölz wurde verdächtigt, dahinter zu stecken. Mittlerweile teilen sich Lars Mortsiefer und Andrea Gotzmann den Vorstandsvorsitz. Damit haben seit 2007 die NADA geführt: Roland Augustin, Christoph Nießen, Göttrik Wewer, Anja Berninger, Martin Nolte und jetzt Mortsiefer und Gotzmann gemeinsam. Ganz schön viele Wechsel an der Spitze.

Erster Auftritt Andrea Gotzmann:
Gotzmann hatte gestern einen ihrer ersten größeren Auftritte als Chefin. Sie erklärte das Kontrollsystem mit den verschiedenen Risikostufen und Testgruppen. Neu waren für mich Zahlen, wie oft Athleten getestet werden. Einer der 650 Top-Athleten aus dem Registered Testing Pool RTP wurde 2010 im Schnitt 4,7 mal von der NADA getestet. Im Nationalen Testpool NTP waren es 2,7 Kontrollen und im Allgemeinen Testpool ATP 0,25 Kontrollen pro Athlet.

Gotzmann stellte sich auch nochmal selbst vor. 19 Jahre war sie Basketballerin, spielte lange Nationalmannschaft und war danach als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Sporthochschule Köln für das Labor von Wilhelm Schänzer tätig. Den Vorsitz der NADA sieht sie als logische Konsequenz dieser Karriere. Die NADA stehe mit dem überwiegenden Teil der Athleten auf einer Seite, denn: “Sport ohne Doping ist das Normale. Ich will nicht, dass jede Topleistung gleich mit einem Fragezeichen versehen wird.” Ich dachte eigentlich, dass grade die NADA jede Topleistung mit einem Fragezeichen versehen müsste.

Blutpass ab 2012: Gotzmann kündigte an, dass im nächsten Jahr das Blutpass-Programm der NADA anlaufen solle. Das hat zumindest der Sportinformationsdienst berichtet und Spiegel-Online hat es in die Überschrift gepackt. Bei der Süddeutschen steht in der Überschrift sogar “flächendeckend” obwohl im folgenden dpa-Text davon die Rede ist, dass man erstmal mit den Ausdauersportarten anfangen wolle. Soweit ich weiß, werden bereits seit längerem Vollblutproben von der NADA gesammelt, um erste Blutprofile zu erstellen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, frage mich aber, was die konkrete Neuerung ab Frühjahr 2012 ist. Hintergrund: Über den Blutpass sollen verdächtige Werte gesammelt werden, um erstens Athleten gezielt testen zu können und zweitens eventuell Athleten auch über einen indirekten Nachweis sperren zu können – also ohne eine konkrete positive Probe.

Notizen zum Kontrollsystem: Es heißt immer, Dopingproben werden acht Jahre lang gelagert, damit man mit neuen Verfahren nachkontrollieren kann, um Sünder auch später noch zu überführen. Aber: Es werden nicht alle Proben für acht Jahre gelagert, sondern nur die Proben von internationalen Großveranstaltungen sowie ein Teil der Trainingskontrollen – je nachdem wie verdächtig der Sportler ist. Eine genaue Zahl der gelagerten Trainingskontrollen konnte die Vorsitzende Andrea Gotzmann gestern nicht nennen.

Bisher werden bei jeder Kontrolle A- und B-Probe genommen, um den Athleten die Möglichkeit zur Überprüfung zu geben. Langfristig soll die B-Probe nun abgeschafft werden. Die Wissenschaft sei weit genug. Diese Idee geistert schon länger durch die Medien, wird aber wohl langsam konkret.

Lars Mortsiefer sagt, mit dem Welt-Anti-Doping-Code 2009 seien endlich weltweit die Dopingregeln harmonisiert worden. Inwieweit das in der Praxis umgesetzt wird (keine Labore in Afrika, Verstöße gegen Meldepflichten, auf welche Substanzen wird kontrolliert, milde Sperren von Sportverbänden) sagt er nicht.

Zum viel diskutierten Datenschutz soll demnächst eine erste Änderung kommen: Die Daten aus dem Aufenthalts-Angaben der Athleten sollen nicht mehr acht Jahre lang gespeichert werden. Für die Überarbeitung des Welt-Anti-Doping-Codes hat die NADA Vorschläge eingereicht. 2015 gibt es einen neuen Code.

Und: Koffein soll offenbar zurück auf die Dopingliste. Andrea Gotzmann sagt, dass in einigen Ländern und einigen Sportarten aufgefallen sei, dass es einen Missbrauch in hohen Dosen gebe und dass es daher eventuell wieder auf die Verbotsliste kommen soll. Auch Nikotin wird aufgrund seiner leistungssteigernden Wirkung beobachtet.

Die neue Task-Force: Lars Mortsiefer, erst 32 Jahre alt und NADA-Vorstand für Recht, stellt die neue Task-Force der NADA vor. Darin sollen sich die NADA-internen Abteilungen Medizin, Kontrollsystem und Recht besser austauschen. “Bündeln und Informationen zusammentragen”, nennt Mortsiefer das. Besser zusammenarbeiten will die NADA zudem mit Staatsanwaltschaften, dem BKA, dem Zoll und den Doping-Laboren. Um Sünder aufzuspüren will die NADA in Zukunft anonyme Hinweise, Leistungssprünge, Referenzwerte aus der jeweiligen Sportart, den Blutpsass, die Behörden, Whereabouts und die Kontrollergebnisse zusammenbringen. Das Zusammentragen der Indizien soll die NADA effektiver machen.

Ich wundere mich, dass diese Zusammenarbeit bisher nicht passiert ist. Mortsiefer sagt auf meine Nachfrage, die Task-Force solle die Zusammenarbeit der Abteilungen einfach noch weiter verbessern und administrative Vorteile bringen. Warum man darum ein solches Bohei machen muss … Und: In den drei Abteilungen Medizin, Recht und Kontrollsystem arbeiten bei der NADA nur 20 Leute, insgesamt gibt es bei der NADA 30 Leute. Zieht man Verwaltungspersonal ab, frage ich mich, wie der Rest so viele Informationen vernünftig auswerten will.

Prävention von Doping im Sport: Der Aufsichtsratsvorsitzende Hanns Michael Hölz sagt: “Langfristig ist es wesentlich, dass wir unsere Ziele über die Prävention erreichen. Der Sport soll besser sein, als die ihn umgebende Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, dass wir in der Prävention Gas geben.” Die Vorstandsvorsitzende Andrea Gotzmann sagt: “Die Prävention und das Kontrollsystem stehen gleichwertig nebeneinander.” Die Prävention solle erweitert werden von Trainer, Athlet, Physio auf Eltern und Lehrer. Dieser Wechsel von Verhaltens- auf Verhältnisprävention wird von vielen Experten schon seit Jahren gefordert.

Die bisherigen NADA-Präventionsaktionen wirken eher behördenlike: E-learning-Plattform, Dopingkontrollfilm, viel Infomaterial. Eher wenig hört man zum Beispiel über die Einbindung ehemaliger Doper, die sich konkret vor Ort mit Schülern und jungen Sportlern auseinandersetzen.

Gegen die Behauptung Kontrollen und Prävention stehen auf einer Ebene, sprechen allein die Zahlen: Fürs Kontrollsystem hat die NADA im Jahr etwa viereinhalb Millionen Euro, für die Prävention ganze 300.000 Euro.

Abschlussdiskussion “Sieht London saubere Spiele?”: Weniger spannend als erhofft war die Abschlussdiskussion. Mit ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt und Ironman-Hawaii-Sieger Normann Stadler waren eigentlich zwei interessante Leute dabei. Seppelt gestand den Dopingverfolgern Erfolge zu, zum Beispiel aufgrund der zurückgehenden Leistungen in Wurf- und Stoßdisziplinen der Leichtathletik. Er erinnerte aber auch an seine Recherchen, zum Beispiel daran, dass internationale Verbände längst nicht das testen, was sie vorgeben zu testen. Bei der Internationalen Biathlon Union werden zum Beispiel nur weniger als ein Prozent der Proben auf Wachstumshormon getestet. “Nur fünf bis sechs der weltweit 33 akkreditierten Labore machen ein ordentliches Programm.” Seppelt beklagt, dass die Sponsoren und Verbände aus dem Milliardengeschäft Sport nicht mehr Geld in den Anti-Doping-Kampf investieren.

Seppelt spricht – besonders im Bereicht TV – von massiven Interessenkonflikten der Medien. Man müsse die Journalisten viel besser ausbilden, um besser über Doping zu berichten. “Man kann mit Doping-Berichterstattung auch den Sportlern ganz persönlich schaden, das ist gefährlich.” Harals Pistorius, Sportchef der Neuen Osnabrücker Zeitung, sprach davon, dass Dopingberichterstattung auch ein Quotenbringer sein könne und sich Journalisten bewusst werden müssten, dass eine gesetztere Doping-Berichterstattung die bessere sei. Man dürfe über Dopingsünder nicht berichten wie die Bild über Kinderschänder – emotionalisiert, unfair, verdammend.

Normann Stadler war ebenfalls da. Der zweimalige Hawaii-Sieger reagierte auf die Frage, wie viele der Top10 im Triathlon gedopt seien, mit einem “Ohje, ich war ja selbst mal darunter, sogar die Nummer eins.” Triathlon sei natürlich prädestiniert für Doping, aber gleichzeitig eine der meistkontrollierten Sportarten, so Stadler. “Ich bin seit 88 im Kader, seitdem hat sich viel getan. Beim Ironman Hawaii wird ja erst seit 2004 auf EPO kontrolliert worden – und dann wurde Nina Kraft gleich erwischt. Damals habe ich auch gewonnen. Die positive Probe von Kraft war für mich der finanzielle Ruin.”

Stadler sagt, er findet die vielen Kontrollen gut, die Abmeldung über das ADAMS-System und die Ein-Stunden-Regel aber mühselig und auch nicht besonders sinnvoll. Die Athleten sollten nicht wissen, wann der Kontrolleur kommt, das sei besser. Grundsätzlich findet er es nicht gut, wie schnell man selbst als Athlet unter Dopingverdacht gerät. “Man musste ja nur mit einem Radteam auf Mallorca unterwegs sein und schon war man gedopt.” Er erwähnt auch seine in den Medien berichtete Verbindung zu Lothar Heinrich und sein damals wenig glückliches Gespräch mit Lisa Hütthaler und Jörg Jaksche im Bayerischen Rundfunk. “Da fährt man mal einen Tag mit den Jungs von Telekom Rad auf Wunsch des Sponsors Powerbar und schon ist man verdächtig.”

Einen Text zum gestrigen Tag hat auch Fabian Fiedler für tri-mag.de geschrieben.

Beitrag kommentieren

Hinweis: Diese Tags kannst du im Kommentarfeld benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>