Erfurter Doping-Anklagen kosten 1,3 Millionen Euro

21. März 2012 von | Keine Kommentare

Das Paul-Löbe-Haus in Berlin, hier tagt der Sportausschuss / Foto unter CC-Lizenz: Ralf Roletschek

Das Paul-Löbe-Haus in Berlin, hier tagt der Sportausschuss / Foto unter CC-Lizenz: Ralf Roletschek

1,3 Millionen Euro würde es die Nationale-Anti-Doping-Agentur NADA nach eigener Schätzung kosten, wollte sie alle 30 in Erfurt am Blut behandelten Sportler des Dopings anklagen. In der Sitzung des Sportausschusses stritten Regierungskoalition und Opposition am Mittwoch darüber, seit wann die Erfurter Blutbehandlung als Doping zu werten ist.

Die NADA rechnete die Kosten für mögliche Erfurt-Verfahren auf 750.000 bis 1,3 Millionen Euro hoch. SPD und Grüne hatten gefordert, der NADA für diese Verfahren zusätzliches Geld zu überweisen. Derzeit ist eher unwahrscheinlich, dass die NADA dieses Geld tatsächlich bekommt: Innenministerium und Regierungskoalition scheinen dagegen zu sein. Bislang hat die NADA nur die Eisläuferin Judith Hesse und den Radsportler Jakob Steigmiller angeklagt, weil diese sich noch im Jahr 2011 ihr Blut bestrahlen ließen. Ob die Blutbestrahlung vor 2011 als Doping zu werten ist, lässt die NADA derzeit mit einem eigenen Gutachten prüfen. Derzeit ist nicht klar, ob die Verfahren gegen Hesse und Steigmiller vor den Olympischen Spielen zum Abschluss kommen.

In der Zeit von 2005 bis 2011 hatte der Erfurter Arzt Andreas Franke bei insgesamt 30 Athleten, Blut entnommen, mit UV-Strahlen behandelt und wieder zurückgeführt. Dafür waren mindestens 10000 Euro Steuergeld geflossen, wie ich gestern früh hier im Blog berichtet hatte. Obwohl die NADA im Jahr 2007 auf eine Anfrage des Olympiastützpunktes Bedenken angemeldet hatte, bestrahlte Arzt Franke weiterhin mit Steuergeld das entnommene Blut seiner Athleten. Bis im April 2011 die Erfurter Staatsanwaltschaft das Büro durchsuchte. Die Ermittlungen dauern wohl noch einige Wochen an.

Im Sportausschuss sprachen sich die beiden geladenen Experten klar dafür aus, dass die Entnahme, UV-Bestrahlung und Rückführung von Athletenblut bereits seit mindestens 2003 als Doping zu werten ist. Sportrechtler Georg Engelbrecht und besonders Pharmakologe Fritz Sörgel wurden dafür von der Regierungskoalition scharf angegriffen.

Die Koalition hatte sich im Vorfeld ein Gegengutachten von dem Lübecker Physiologen Wolfgang Jelkmann schreiben lassen und bezeichnete Experte Sörgel auf dieser Grundlage als „Apotheker“ und seine Stellungnahme als „desolat“. Sörgel war nach der Sitzung überrascht über die wenig sachliche Diskussion. „Das was da abgelaufen ist, war unbeschreiblich, diffamierend. Ich hätte mir diese Sitzung nicht im Entferntesten so vorgestellt. Ich bin von Kollegen vorgewarnt worden und bin als Wissenschaftler einiges gewohnt, aber das war eines der schlimmsten Erlebnisse.“

Der Erfurter Olympiastützpunktleiter Bernd Neudert gab sich im Ausschuss nach Auskunft von Anwesenden zerknirscht. Neudert hatte fast 20 Jahre lang mit Arzt Andreas Franke zusammen gearbeitet. Aus heutiger Sicht habe er definitiv Fehler gemacht. So hatte sich Neudert die neuesten Entwicklungen im Anti-Doping-Kampf wohl stets von Andreas Franke selbst erklären lassen und keine unabhängige Person dazu geholt.

Offen bleibt weiterhin, seit wann Franke beim Olympiastützpunkt die dubiose Blutbehandlung durchgeführt hat. Franke ist seit 1992 Vertragsarzt am Olympiastützpunkt. Stützpunktleiter Neudert hat bislang auf eine Anfrage dieser Zeitung nicht geantwortet. Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag glaubt, „dass diese Bestrahlung schon immer am Olympiastützpunkt Erfurt durchgeführt wurde, nicht erst seit 2005.“

SPD und Grüne hatten gefordert, einen Prüfbericht des Bundesverwaltungsamtes zum Olympiastützpunkt öffentlich zu machen. Das Innenministerium lehnte das ab. Begründung: Dann würde das Papier wieder im Internet landen, das wolle man vermeiden. Eine Anspielung auf Internetblogs wie den von Jens Weinreich, der Ausschussdrucksachen bereits vor der Sitzung ins Netz gestellt hatte.

Die Grünen verlangten in ihrem Antrag eine Tiefenprüfung aller Olympiastützpunkte mit Hilfe des Bundesrechnungshofes, weil sie bezweifeln, dass Erfurt ein Einzelfall ist. Der Antrag wurde mit Stimmen von FDP, CDU und Linken abgelehnt, die SPD hatte sich enthalten. „Die Koalition und die Linke bilden eine unheilige Allianz gegen den ambitionierten Anti-Doping-Kampf. Die Sport-Lobbyisten halten zusammen“, sagte die Grünen-Abgeordnete Viola von Cramon im Anschluss am Telefon.

Die Sitzung selbst konnten Journalisten einmal mehr nicht verfolgen, auf Antrag von Union und FDP hatte der Sportausschuss im Oktober die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Eventuell wird das Thema Erfurt bereits in der kommenden Woche erneut im Sportausschuss diskutiert.

[Update, 22.3., 9 Uhr] Jens Weinreich hat gestern Nacht noch zum Sportausschuss gebloggt. Berichtet haben unter anderem auch Michael Reinsch in der FAZ, der gestern auch persönlich vor dem Ausschuss saß, und Spiegel-Online via dpa.

[Update, 22.3., 14 Uhr] Ich habe oben im Text ein paar Stellen angepasst. Ich hatte jeweils nur von der UV-Bestrahlung des Blutes geschrieben und die Entnahme und Rückführung des Blutes dem Lesefluss zuliebe unterschlagen. Das war blöd, weil grad diese Entnahme und Rückführung das große Problem der Aktion ist. Danke dem freundlichen Anrufer für den Hinweis.

Das von der Regierungskoalition angeforderte Gutachten von Wolfgang Jelkmann (zu dem Grit Hartmann im Blog von Jens Weinreich ein paar erste Takte geschrieben hat):

UV Stellungnahme Jelkmann

Das Original des Titelfotos findet sich hier.

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