Doping: Im Zweifel war’s der Sportler

Dopingexperte Perikles Simon: "Gelder sollte man besser verwenden, um den Horizont des Dopingkampfes zu erweitern." Foto unter CC-BY-SA-Lizenz von playthegame.org
Im Zweifel ist der Sportler Schuld, das Umfeld trägt keine Verantwortung. So funktioniert die Dopingprävention in Deutschland. Das ist falsch. Wer zu viele Informationen will, wird abgeblockt. Am morgigen Donnerstag reden Innenministerium, Sportbund, NADA und Bundesländer noch einmal darüber, ob sie mir mitteilen, wo die pro Jahr mehr als 300000 Steuereuro für die Dopingprävention hinfließen. Wie der Sport es bislang schafft, sich aus der Verantwortung zu stehlen: Der erste von zwei Blogposts zum Thema.
Der Kampf gegen Doping hat unendliche Lücken. In Erfurt drehen sich die Dopingverfolger im Kreis (oder werden im Kreis geführt?), bei Dopingkontrollen ist nicht einmal ein Prozent positiv. Dabei legen Studien den Verdacht Nahe, dass ein Viertel bis die Hälfte aller deutschen Spitzensportler schon einmal gedopt haben. (Emrich und Pietsch, Doping in elite sports in Germany, Zusammenfassung als PDF)
Ich halte Prävention deshalb für wichtig. Sie ist eine Möglichkeit, das Problem ein wenig einzudämmen, ohne den juristisch unsicheren und extrem teuren Kontrollapparat weiter aufzublähenn. Karl-Heinrich Bette hat gemeinsam mit Ansgar Thiel und Felix Kühnle für den Deutschen Leichtathletik Verband die Dopingprävention in Deutschland analysiert. 20000 Euro hat der DLV dafür ausgegeben, den Großteil der Arbeit haben die Soziologen aber selbst finanziert. Vor Kurzem ist die Studie als Buch erschienen.
Moralkampagne statt Suche nach Lösungen
Das Ergebnis: Der Betrug wird mit Moralkampagnen bekämpft, über die Doping fördernden Strukturen des Sports spricht niemand. Dabei haben die einen großen Anteil an der Entscheidung pro Doping, sagt Bette. Die Verteilung der Sportförderung strikt nach der Medaillenzahl führe “natürlich in eine klassische Beziehungsfalle. Einerseits sollen sie Doping bekämpfen, andererseits sollen sie aber international erfolgreich sein und das in einem Sport, in dem nachweislich viel gedopt wird. Das führt dann zu der klassischen Entkopplung von Reden und Tun. Auf der Vorderbühne sagt man, was man gegen Doping tut und auf der Hinterbühne schaut man weg.“
Der DOSB bekennt sich auf Anfrage ganz offen zur Aufklärung der Sportler, zum Kampf gegen die Dopingmentalität. Genau diesen Begriff kritisieren aber Soziologen wie Bette oder auch Andreas Singler. Sie sagen, es gebe nur in Einzelfällen eine Mentalität der Sportler zum Doping, einen schlechten Charakter. Die Entscheidung pro Doping sei ganz im Gegenteil eine bewusste, rationale Entscheidung. Darin fließen dann der Druck durch die Normen der Verbände genauso ein wie die beruflichen Alternativen oder die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden. Der DOSB sagt, er versuche die strukturellen Zwänge zu mildern, indem er Sportlern dabei helfe, Ausbildung und Sport zu verbinden. Stichwort Duale Karriere.
Schwarzer Peter beim Athleten
Trotzdem sagen Experten wie Andreas Singler: „Die Verantwortung dafür, wie das Dopingproblem zu lösen ist, wird komplett an den einzelnen
Athleten ausgelagert. Der Schwarze Peter ist damit beim einzelnen Akteur, aber nicht bei der Sportorganisation oder bei der Sportpolitik.“ Singler hat in den vergangenen Jahren die Sportfunktionäre in Rheinland-Pfalz zur Dopingprävention befragt.
Der Sport kann die Verantwortung an die Athleten abschieben, weil er selbst bestimmt, welche Projekte Geld für Dopingprävention bekommen. Bis 2010 finanzierte das Innenministerium die Dopingprävention der NADA mit 300000 Euro. Seitdem gibt es den Nationalen Dopingpräventionsplan, der Projekte besser aufeinander abstimmen soll. Nun darf sich jeder auf das Geld des Präventionsplanes bewerben. Auf den ersten Blick ein Fortschritt. Aber: Es gibt nicht mehr Geld. Es bewerben sich mehr Leute auf die gleiche Summe. Die NADA hat deshalb einige ihrer Projekte gekürzt, ein Großteil der frei gewordenen Mittel gehen jedoch an den DOSB. Externe Antragsteller sind verärgert: In den vergangenen zwei Jahren waren mehr als drei Viertel der geförderten Aktionen von DOSB und NADA selbst. Der DOSB erklärt das damit, dass wenige Anträge von außen gestellt werden.
Eine Steuerungsgruppe schlägt vor, für welche Projekte Geld fließen soll. In der Gruppe sitzen: NADA, Deutscher Olympischer Sportbund, die Länder und das Bundesinnenministerium. Was gefördert wird, entscheiden am Ende Bund und Länder. Also genau die, die sich selbst thematisieren müssten. Einmal im Jahr gibt es einen runden Tisch: Ein paar Dutzend Wissenschaftler, Sponsoren und Funktionäre kommen jeweils im September zusammen und werden informiert. Einfluss haben sie keinen. Der Nationale Dopingpräventionsplan ist ein politisches Instrument, das sich selbst blockiert, klagen Insider.
Keine Transparenz
Wer mehr wissen will, wird abgeblockt. Es gibt eine Liste mit geförderten Projekten auf der NADA-Webseite, aber keine Details. Niemand kann überprüfen, wie das Geld verwendet wird. Ich frage seit Ende 2010 nach den Fördersummen der einzelnen Projekte, dein verantwortlichen Personen hinter den Projekten und den Projektskizzen. NADA und DOSB hätten offenbar nichts gegen eine Veröffentlichung, doch das Innenministerium lehnt immer wieder ab. Ammorgigen Donnerstag will die Steuerungsgruppe noch einmal über Transparenz sprechen. Es klingt bislang sehr danach, als würde das Innenministerium seine Blockadehaltung beibehalten.
Der Mainzer Dopingexperte Perikles Simon hat selbst schon erfolglos ein Projekt beim Runden Tisch beantragt. Die Art der Vergabe schadet dem Kampf gegen Doping, findet Simon. „Wenn dem so ist, dass DOSB und NADA dort ihre eigenen Projekte fördern, halte ich das nicht für besonders sinnvoll. Solche Gelder kann man dafür verwenden, den Horizont im Anti-Doping-Kampf zu erweitern. Also um ganz bewusst auch Leute zu integrieren, die mal querschießen.“
Studie zur Autonomie der NADA?
Aber wer kritisiert sich schon gerne selbst? Wäre es besser, das Geld für Prävention würde ohne den Einfluss von BMI und DOSB vergeben? Karl-Heinrich Bette hätte jedenfalls schon ein paar Ideen, was mit dem Geld gemacht werden könnte: „Ich warte darauf, dass auch diejenigen thematisiert werden, die in Sachen Dopingkampf beteiligt sind. Ich würde mir wünschen, dass Studien initiiert werden über die sozialen Bedingungen der Sportförderung in Deutschland, über die Autonomie der NADA oder ähnliche Fragen. Das wäre extrem spannend.“
Der DOSB hält die Zusammensetzung der Steuerungsgruppe für optimal. Der Sport selbst habe schließlich ein tiefbegründetes Eigeninteresse, Doping zu bekämpfen. Lösungen könnten nur dann funktionieren, wenn sie auf den Strukturen des Sports aufbauen.
Der Präventionsplan läuft in seiner jetzigen Form noch bis Ende 2013. Bis dahin soll der Plan evaluiert werden. Einige Beteiligte hoffen auf eine radkikale Reform. Sie wünschen sich weniger politischen Druck und Bürokratie, mehr Arbeit an konkreten Projekten und deutlich mehr Geld.
In ähnlicher Form lief dazu am Sonntag ein Beitrag von mir im Deutschlandfunk.
Die Zielvereinbarungen und die strikt an Medaillen ausgerichtete Sportförderung ist immer wieder Thema bei Gesprächen zur Prävention von Doping. Können Verbände Doping glaubhaft bekämpfen, wenn Sie von Medaillen abhängig sind? Ein paar gute Gedanken hatten dazu vor zehn Tagen Volker Schürmann, Dieter Rössner und Hans Lenk im Deutschlandfunk-Sportgespräch mit Hajo Seppelt und Robert Kempe. Vor allem die zweite Hälfte des 26-minütigen Gesprächs ist interessant.
In den nächsten Tagen folgen: Einige Thesen, was sich in der deutschen Dopingbekämpfung ändern muss. Und: Zwei längere Gespräche mit Dopingexperten als Audio.

