Olympia: Das System Plansport – Millionen für Medaillen

24. Juli 2012 von | 13 Kommentare

Vom deutschen Sport schon 2008 verplant: Gold, Silber, Bronze. // ddp

Im geheimen Vierjahresplan des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) steht alles fest: Acht Medaillen müssen die deutschen Leichtathleten bei den Spielen in London holen, zwei davon in Gold. So wurde es 2008 beschlossen. So sollen es die Athleten ausführen. Bei Nichterfüllung des Planes drohen drastische Konsequenzen: Geldentzug, entlassene Trainer.

Diese verborgene Wirklichkeit der deutschen Sportförderung zur Produktion von Medaillen im Vier-Jahres-Takt erinnert an den Kalten Krieg. Deutsche Funktionäre und Beamte versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Details dieser Planwirtschaft aufgeklärt werden. Zahlen und Daten werden unter Verschluss genommen, Auskünfte selbst vor Gericht verweigert. Diese Recherchen offenbaren die wahre Dimension des Medaillenwahns in der öffentlichen Sportförderung.

Von Niklas Schenck und Daniel Drepper

[Lesedauer: etwa 20 Minuten | Eine Kurzversion (drei Minuten) gibt’s hier]

Die Vorgabe für die Leichtathleten: Eine Medaille im Sprint, drei in den Mehrkämpfen und Sprungdisziplinen, davon eine Gold, vier in den Wurfdisziplinen, auch davon eine in Gold. Das steht in der Zielvereinbarung für London, daran werden sie gemessen. In Athen holten die Leichtathleten zweimal Silber, in Peking gar nur einmal Bronze. Jetzt sollen es acht Medaillen werden.

Erfüllt der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) seine Medaillenvorgabe nicht, kann das zwei Konsequenzen haben: Entweder, das Ministerium zieht Mittel ab, als Strafe. Oder es stockt sie auf, weil das Geld für die gesteckten Ziele nicht reicht. Das geschieht hinter verschlossenen Türen, ohne feste Kriterien, ohne öffentliche Diskussion. Und gegen jeden, der Transparenz in die Millionenausgaben des Bundes bringen will, wehren sich der Deutsche Olympische Sportbund und das Innenministerium mit aller Macht. Das wurde auch bei den mehr als einjährigen Recherchen für diesen Artikel deutlich.

133 Millionen Euro pro Jahr für Spitzensport
Das Bundesinnenministerium hat den deutschen Spitzensport im vergangenen Jahr mit knapp 133 Millionen Euro gefördert. In diesem Jahr ist die Summe ähnlich hoch. Dazu kommen die Ausgaben für Sportsoldaten, Sportzöllner und Sportpolizisten, aus Konjunkturpaketen, von Ländern und Kommunen. Die FAZ hat Anfang 2010 addiert, dass in einem Vier-Jahres-Zyklus etwa 850 Millionen Euro für den Sport ausgegeben werden. Eine einzige Goldmedaille bei den vergangenen Olympischen Spielen kostete nach dieser Rechnung im Schnitt gut 30 Millionen Euro.

30 Millionen Euro für einmal Gold in diesem Stadion? // ddp

Das Geld geht an Olympiastützpunkte, Forschungseinrichtungen und an die Sportverbände. Die Sportverbände haben davon allein 2011 knapp 47 Millionen Euro bekommen. Fast 37 Millionen fließen über eine Grundförderung. Sie bemisst sich nach der Zahl der Olympiateilnehmer in einer Sportart, nach der Zahl der olympischen Disziplinen und der Zahl der erreichten Medaillen bei den zwei vorangegangen Olympischen Spielen. Gut zehn Millionen Euro fließen über die Projektförderung – genau das regeln die Zielvereinbarungen. Mit ihr werden spezielle Projekte gefördert. Auch hier steht im Vordergrund “wie man Leistung anstreben kann, die sich dann an Medaillen festmachen lässt”, sagte der damalige Leistungssportdirektor des DOSB, Ulf Tippelt, im vergangenen Sommer.

Um einschätzen zu können, wie viel Schwimmer, Leichtathleten oder Turner benötigen, bittet das Ministerium den Deutschen Olympischen Sportbund um eine Bewertung. Der DOSB soll den neutralen, sportfachlichen Gutachter für die Forderungen der Verbände spielen. Eigentlich ist er als Dachverband der deutschen Sportverbände aber dazu da, die selbstgesteckten Ziele der Verbände zu vertreten, auch gegenüber dem Ministerium. Der DOSB ist eine Institution mit zwei gegensätzlichen Aufträgen. Darin sehen viele das Grundproblem des deutschen Sports.

Mit diesem Grundproblem machte der Deutsche Leichtathletik Verband vor vier Jahren leidvoll Bekanntschaft. Wochenlang hatten die Leichtathleten mit dem DOSB verhandelt, hatten sich auf eine Medaillenzahl und die dafür nötigen Projekte geeinigt. Schließlich treffen sich am 11. Februar 2008 acht Personen in Frankfurt beim DOSB, um eine Zielvereinbarung zu unterschreiben. Dort werden die Ziele für London, der Weg dorthin und die benötigten Mittel für besondere Projekte festgeschrieben. In Frankfurt unterhalten sich unter anderem der damalige Vizepräsident der Leichtathleten, Eike Emrich, Ex-Sportdirektor Jürgen Mallow und Bundestrainer Uwe Mäde, dazu Vertreter des DOSB und des Innenministeriums.

Gleiche Zahl Medaillen, aber nur zwei Drittel Budget
Von zehn bis 16 Uhr sitzt die Runde zusammen. Am Ende ist man sich einig, wie acht Medaillen in London erreichbar sind – und listet Maßnahme für Maßnahme in einer Excel-Tabelle auf. Der finale Klick offenbart eine Summe von 1,8 Millionen Euro, da steht der DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank auf und sagt sinngemäß: Das geht nicht, wir haben uns schon vorher mit dem Innenministerium auf weniger geeinigt. Gut eine Million Euro, mehr ist nicht drin. Das Ergebnis stand also schon vorher fest. Ex-Vizepräsident Emrich erinnerte das an einen orientalischen Basar: „Es wird nur gehandelt, um zu handeln. Als wäre man an den Hof zitiert worden, um dort in einem großen Ritual vorgeführt zu bekommen, wie die Machtverhältnisse sind.“

„Es wird nur gehandelt, um zu handeln. Als wäre man an den Hof zitiert worden, um dort in einem großen Ritual vorgeführt zu bekommen, wie die Machtverhältnisse sind.“ – Ex-DLV-Vizepräsident Leistungssport Eike Emrich

Arne Güllich arbeitete zwölf Jahre für den DOSB, das Konzept der Zielvereinbarungen hat er maßgeblich geprägt. Heute ist er Professor in Kaiserslautern und sieht die Arbeit des DOSB kritisch. Die Zielvereinbarungen, sagt Güllich, waren nur Anlässe für Kaffeekränzchen. “In internen Sitzungen wird ohnehin vorher abgesprochen, wer was will. Das nennt man zwanglose Zwänge: Die Mitarbeiter im DOSB wissen bei ihrer Arbeit genau, was am Ende rauskommen soll.”

Der DLV zögerte damals wochenlang mit der Unterschrift, weil er nun mit weniger Geld als erwartet die gleichen Medaillen erreichen sollte. „Dann haben wir doch unterschrieben, sonst hätten wir viel zu lange auf das Geld gewartet oder es gar nicht bekommen. Und dann hätten wir unsere Förderaktivitäten reduzieren müssen“, sagt Eike Emrich. „Hätten wir in dieser Zeit einen größeren Sponsor gefunden, hätten wir die Unterschrift verweigert.“ Die ursprüngliche Idee von Zielvereinbarungen ist, dass den Verbänden mehr Leistung abverlangt, aber auch mehr Verantwortung übertragen und mehr Geld überwiesen wird. Ein Beteiligter berichtet, viele Verbände hätten vom DOSB mehr Medaillen vorgeschrieben bekommen, als sie für erreichbar hielten. Das führt das Prinzip der Zielvereinbarung ins Absurde.

Robert Harting 2009 nach seinem Goldwurf bei der Heim-WM in Berlin // ddp

„Es kann ja passieren, dass wir als Verband in London keine einzige Medaille holen“, sagt Günther Lohre, Emrichs Nachfolger als Vizepräsident Leistungssport der Leichtathleten. „Mir persönlich ist die Zahl der Medaillen völlig egal. Aber was passiert dann mit der Förderung?“ Leistung ist beeinflussbar, aber Erfolge sind es nicht. Die hängen von den Leistungen der Konkurrenz ab, von der Tagesform, von möglichen Manipulationen wie Doping oder vom Wetter. Diskuswerfer Robert Harting ist seit 28 Wettkämpfen ungeschlagen, er soll eine der beiden Goldmedaillen holen. „Aber wenn er bei seinen Würfen Rückenwind hat, wird er vielleicht nur Dritter“, sagt Lohre. „Ich frage mich, warum ich mich für 2012 und darüber hinaus solchen Zielstellungen unterwerfen sollte? Entscheidend ist, dass die Athleten so gut vorbereitet sind, dass sie nahe an ihre Bestleistungen kommen und sie möglichst übertreffen.“

DLV-Vizepräsident Günther Lohre // ddp

Der ehemalige Handball-Bundestrainer Heiner Brand ist heute beim Handball-Bund für den Nachwuchs zuständig. Er stimmt Günter Lohre zu. “Ich würde mich nie auf eine konkrete Platzierung festlegen lassen”, sagt Brand. “Das geht überhaupt nicht.” Im Handball könne er sich das Ziel setzen, in der Weltspitze zu spielen, unter den ersten sechs oder zehn Teams. “Aber eine Medaille kann ich nicht versprechen. Wie schnell so etwas daneben geht, hat man ja jetzt erst wieder bei der Fußball-EM gesehen.” Die Zielvereinbarungen bezeichnet Brand deshalb als “nicht ganz unproblematisch”. Gut für Brand, dass die Handballer im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten kaum abhängig sind von der offiziellen Förderung. Die knapp 380.000 Euro, die der Verband im Jahr 2011 bekam, flossen vor allem in die Förderung der Jugend. Die Leichtathleten dagegen bekamen im vergangenen Jahr genau 5.137.788 Euro vom Bund. Die Existenz des Spitzensports im DLV hängt von der Förderung ab.

Akteneinsicht nach Informationsfreiheitsgesetz
Mit den Zielvereinbarungen werden Steuermittel an Sportverbände vergeben. Trotzdem sind sie geheim. DOSB-Generaldirektor Vesper begründete die Geheimniskrämerei im vergangenen Sommer im persönlichen Gespräch in der DOSB-Zentrale in Frankfurt damit, dass der deutsche Sport sonst ständig an seinen ehrgeizigen Medaillenzielen gemessen würde. Schon damals, im Mai 2011, hatte das WAZ-Rechercheteam Akteneinsicht nach dem Informationsfreiheitsgesetz beantragt, die ihm verweigert wurde. Das Innenministerium verwies an den Deutschen Olympischen Sportbund, dieser wiederum gab nur drei anonymisierte Vereinbarungen heraus, ohne konkrete Medaillenziele.

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper bestritt im vergangenen Sommer im Gespräch, dass der DOSB Machtpolitik betreibt. “Der DOSB ist der Dachverband aller Verbände und da wird nicht willkürlich nach sachfremden Kriterien entschieden, sondern nach Kriterien, die wir gemeinsam in unseren Gremien vereinbart haben. Wir haben ja auch einen Präsidialausschuss Leistungssport, in dem die Verbände mit ihren Vertretern drin sind.” Was Vesper nicht sagt: Die vier Verbandsvertreter im Präsidialausschuss haben überhaupt nichts zu melden. Von Jahr zu Jahr trifft sich der Ausschuss seltener, zuletzt nur drei bis vier Mal im Jahr. Spannende Themen wie Finanzprobleme bei Verbänden oder Grundsatzentscheidungen über den Umgang mit Doping werden nicht mehr besprochen. Nicht einmal die Nominierungskriterien für die Spiele in London hat der Ausschuss diskutiert. Echte Entscheidungen fällt er nicht mehr.

Das Innenministerium bezeichnet die Mittlerrolle des DOSB zwischen Verbänden und Ministerium als partnerschaftliche Zusammenarbeit, die sich in den vergangenen Jahren bewährt habe. Da das Innenministerium die Förderentscheidung treffe, könne der DOSB den Sportverbänden schon aus rechtlicher Sicht keine Mittel entziehen. Das Innenministerium bestreitet zudem, dass es einen Zusammenhang zwischen Medaillenvorgaben und zukünftiger finanzieller Förderung gebe. Ein Automatismus bestehe nicht.

Lobbyismus der Verbände gegen harte Kriterien
Die Förderung der Verbände ist aufgeteilt in einen Grundbetrag namens Sockelförderung und einen Zuschlag für besondere Projekte, die Projektförderung. Bevor 2006 der Deutsche Sportbund und das Nationale Olympische Komitee zum DOSB verschmolzen, sollte ein neues Förderkonzept entstehen. Das Konzept sah vor, dass die Zahl der Olympischen Wettbewerbe, die Zahl der Teilnehmer und die Zahl der Medaillen im Verhältnis 1:1:3 die Sockelförderung bestimmen. Als klar war, wie viel oder wenig jeder einzelne Verband bekommen sollte, schlug der Lobbyismus zu: Die festen Kriterien wurden aufgeweicht, damit ja kein Verband schlechter gestellt würde als zuvor. Kritiker sagen: Unzufriedene Verbände beschwichtigt der DOSB mit der Projektförderung, die über die geheim gehaltenen Zielvereinbarungen geregelt wird.

DOSB-Generaldirektor Michael Vesper // ddp

Der DOSB bestellte nach den andauernden Anfragen des WAZ-Rechercheteams mehrere betroffene Verbände ins Innenministerium und schwor diese darauf ein, nichts nach außen dringen zu lassen. Die Verbände dürften sich nicht auseinander dividieren lassen, sagte Generaldirektor Michael Vesper laut Teilnehmern der Runde, sie sollten bitte keine Infos an die Journalisten geben. Die Mauer des Schweigens sollte nicht anfangen zu bröckeln. Mehrere Verbände, darunter der DLV, wollten ihre Akten inklusive Zielvereinbarungen freigeben. Doch der DOSB legte sein Veto ein. “Hätte der DOSB klare, transparente und für alle Beteiligten nachvollziehbare Kriterien für die Zuweisung der Mittel an die Verbände, bräuchte er sich nicht vor einer Veröffentlichung zu fürchten”, sagt DLV-Generalsekretär Frank Hensel.

“Hätte der DOSB klare, transparente und für alle Beteiligten nachvollziehbare Kriterien für die Zuweisung der Mittel an die Verbände, bräuchte er sich nicht vor einer Veröffentlichung zu fürchten.” – DLV-Generalsekretär Frank Hensel

Der Deutsche Olympische Sportbund hält die Absprachen mit allen Mitteln zurück. Einen Antrag dieser Zeitung nach dem Informationsfreiheitsgesetz, ursprünglich von Mai 2011, hat das Innenministerium nach Rücksprache mit dem DOSB 14 Monate später noch immer nicht vollständig bearbeitet. Die Kosten für den gestellten Antrag liegen bereits bei 7500 Euro und werden in den kommenden Monaten weiter steigen. Gegen die Kostenbescheide ist bereits Widerspruch eingelegt. Auch eine Klage dieser Zeitung auf Grundlage des Presserechtes, derzeit vor dem Verwaltungsgericht Berlin anhängig, hat bislang nicht dazu geführt, dass die Medaillenziele aller Verbände ans Licht kommen. Das Innenministerium wehrt sich in Abstimmung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund in einem langen Schriftsatz und verweist auf Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse. Nach Einschätzung dieser Zeitung zu Unrecht. Eine Entscheidung des Gerichts wird sich vermutlich bis zum Ende der Olympischen Spiele ziehen.

Glaubt man Beteiligten, dann lief die deutsche Spitzensportförderung vor zehn, 15 Jahren noch willkürlicher ab. Immerhin machen die Zielvereinbarungen für den einzelnen Verband transparenter, wofür und warum er mehr oder weniger Geld bekommt. Nach außen bleiben die Absprachen jedoch geheim, sie bleiben Herrschaftswissen von DOSB und Bundesinnenministerium. Bis vor einem Jahr wussten nicht einmal die Verbände untereinander, wie viel Geld andere Verbände vom Steuerzahler bekommen. Erst eine kleine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Martin Gerster brachte ans Licht, wie viel jeder Verband überwiesen bekommt. Die Leichtathleten bekamen im Vorjahr rund 5,1 Millionen, die Schwimmer immerhin vier Millionen Euro. Die Inhalte der Zielvereinbarungen kennen die Verbände weiterhin nur in Auszügen voneinander.

“Wenn wir so eine ehrgeizige Medaillenzahl veröffentlichen würde, würden wir am Ende nur daran gemessen, ob diese Medaillenzahl erreicht wurde. Das kann nicht im Sinne der sinnvollen Vorbereitung auf Olympische Spiele sein.” – DOSB-Generaldirektor Michael Vesper

“Wenn wir so eine ehrgeizige Medaillenzahl veröffentlichen würde, würden wir am Ende nur daran gemessen, ob diese Medaillenzahl erreicht wurde”, sagt DOSB-Generaldirektor Michael Vesper. “Das kann nicht im Sinne der sinnvollen Vorbereitung auf Olympische Spiele sein.” Dennoch existieren Medaillenprognosen für die Olympischen Spiele, sogar eine offizielle Prognose des deutschen Sports. Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft, eine vom Innenministerium finanzierte Einrichtung, prognostiziert für die Spiele 54 Deutsche Medaillen. Das sind 13 Medaillen mehr als in Peking, und 15 von ihnen sollen in Gold glänzen. Zum gleichen Ergebnis für die deutsche Mannschaft kommt die amerikanische Tuck School of Business.

Weichen die Vorgaben ab?
„Wenn Wissenschaftler für London exakt prognostizieren, wie viele Medaillen möglich sind und das wird offen in den Medien kommuniziert – warum sollten dann nicht auch die Zielvereinbarungen veröffentlicht werden?”, fragt Dagmar Freitag, Sportausschussvorsitzende im Bundestag und Vizepräsidentin Wirtschaft des DLV. “Dann könnte jeder sehen: Sind die Medaillenvorgaben des DOSB mit den Erkenntnissen der Wissenschaftler kompatibel? Oder weichen sie deutlich – in welche Richtung auch immer – ab?“

54 Medaillen holen die Deutschen angeblich in London // ddp

Der DOSB fürchtet zudem ein „Hauen und Stechen unter den Verbänden“. Kritiker vermuten dagegen, der Dachverband halte die Absprachen geheim, um Macht zu erhalten. “Der DOSB hat eigentlich keine eigene, sondern nur zugeschriebene Macht. Zuweilen nutzt er seinen Wissensvorsprung gegenüber seinen Auftraggebern, also den Verbänden und dem BMI, zu beiden Seiten hin aus“, sagt Ex-Vizepräsident Eike Emrich, der in Saarbrücken Professor für Sportsoziologie und –ökonomie ist. Emrich spricht von Günstlingswirtschaft, vom „Fürstenhof DOSB“. Robert Prohl, Sportpädagogik-Professor aus Frankfurt, sieht das ähnlich: „Es werden Abhängigkeiten geschaffen, die nicht notwendig sind. Und immer wenn Abhängigkeiten bestehen, kann man darauf warten, dass sie auch ausgenutzt werden.“

„Es werden Abhängigkeiten geschaffen, die nicht notwendig sind. Und immer wenn Abhängigkeiten bestehen, kann man darauf warten, dass sie auch ausgenutzt werden.“ – Sportpädagoge Robert Prohl

Kaum ein Verband traut sich, öffentlich zu protestieren. „Ich höre immer wieder von Verbandsvertretern, Verhandlungen über die Zielvereinbarungen seien die pure Erpressung. Aber es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Öffentlich äußert fast niemand Kritik”, sagt Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD und Präsident des nicht-olympischen Sportakrobatik-Bundes. “Die Zielvereinbarungen sind ein Machtinstrument des DOSB.” Martin Gerster sitzt im Sportausschuss des Bundestages. Selbst Gerster und seine Parlamentskollegen kennen die Zielvereinbarungen nicht. Viola von Cramon, sportpolitische Sprecherin der Grünen, hat den Eindruck, dass Ministerium und DOSB gemeinsam für den Sport Lobbyarbeit betreiben. „Das ist nach wie vor eine Hinterzimmerpolitik, die abgeschafft gehört. Wenn wir es wirklich ernst meinen mit Transparenz und Informationsfreiheit, dann muss sich da gewaltig was ändern.“

Freitag: „Im Zweifel Förderpraxis ändern“
Auch die Sportsprecherin der Linken, Katrin Kunert, und die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag wollen mehr Transparenz bei der Verteilung der Mittel. Sollte der DOSB tatsächlich Recht bekommen und die Zielvereinbarungen würden aufgrund von Datenschutz- und Betriebsgeheimnissen trotz der Klage des WAZ-Rechercheteams nicht veröffentlicht, “sollte der Haushaltsgesetzgeber im Zweifel über eine Änderung der Förderpraxis nachdenken, die dann einen Einblick erlauben würde”, sagt Dagmar Freitag. “Wir reden hier schließlich nicht über Staatsgeheimnisse.” CDU-Sportsprecher Klaus Riegert bezeichnet die Mittelvergabe im deutschen Sport dagegen als transparent, die Zielvereinbarungen würden “aus nachvollziehbaren Gründen nicht öffentlicht diskutiert”. Eine Veröffentlichung der Zielvereinbarungen würde die sportfachlichen Entscheidungen laut Riegert “unverhältnismäßig erschweren, vielleicht sogar unmöglich machen”. Der sportpolitische Sprecher der FDP, Lutz Knopek, antwortete nicht auf eine Mail-Anfrage der WAZ.

Mitglieder des Sportausschusses des Bundestages versuchen selbst seit Jahren, Einblick in die Zielvereinbarungen zu bekommen. Bislang sind die Anfragen immer zurückgewiesen worden. Das Auftreten von BMI und DOSB im Ausschuss umschreiben Abgeordnete freundlich mit “selbstbewusst”. Wie skurril Diskussionen um die Veröffentlichung dieser Dokumente verlaufen, lässt sich im Blog des Sportjournalisten Jens Weinreich nachlesen, der 2009 eine Sportausschuss-Sitzung zum Thema dokumentierte.

Die Zielvereinbarungen sind nur das sichtbare Symbol für ein durchweg intransparentes und totalitäres System. Sport ist ursprünglich von unten nach oben organisiert: Menschen gründen Vereine, die gründen Verbände und diese wiederum einen Dachverband, den DOSB. Die Spitzensportförderung ist aber das genaue Gegenteil: Vom Ministerium erreichen Vorgaben über den DOSB die Verbände und Vereine, von oben nach unten. Viele Sportler werden an Stützpunkten zusammengezogen und von der Bundeswehr gefördert. Bei den Winterspielen in Vancouver haben Bundeswehr-Sportler vor zwei Jahren 57 Prozent der deutschen Medaillen geholt. Wer sich Hochleistungssport leisten will, muss häufig mitspielen.

Strukturen wie in der DDR oder China?
„Wir bezahlen Staatssportler, wie wir sie in den 80er Jahren der DDR vorgeworfen haben. Insgeheim haben wir uns in unserer Gesellschaft ein Subsystem geschaffen, das mit dem Gesamtsystem ideologisch nicht mehr korrespondiert“, sagt der Frankfurter Sportpädagoge Prohl. Solche Strukturen kenne man aus totalitären Systemen wie der DDR oder aktuell aus China – aus Gesellschaften, die sich über Medaillen zu profilieren versuchen. Prohl kann sich das nur so erklären: „Im DOSB, aber auch im Innenministerium ist offenbar noch nicht angekommen, dass der Kalte Krieg vorbei ist.“

„Im DOSB, aber auch im Innenministerium ist offenbar noch nicht angekommen, dass der Kalte Krieg vorbei ist.“ – Sportpädagoge Robert Prohl

Der DOSB wollte sich auf eine Anfrage vom Mittwochabend bis zum Montagmittag nicht äußern: “Vor dem Hintergrund der Kurzfristigkeit und der derzeit laufenden intensiven Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele”, schreibt Pressesprecher Christian Klaue.

Der Sportökonom Eike Emrich war bis 2009 Vizepräsident des DLV // ddp

Medaillen als oberstes Gut sind aus einem weiteren Grund der falsche Ansatz: Sie setzen Medaillen im Bobfahren gleich mit denen im Laufen. Während die Bobfahrer nur gegen eine Handvoll Konkurrenten antreten, haben die Finalisten im 100-Meter-Rennen hunderttausende Konkurrenten ausgestochen. „Der Medaillenspiegel funktioniert nach der gleichen Logik, als ob man exzellenten Rotwein nur nach dem Alkoholgehalt oder Menüs in Top-Restaurants nur nach der Kalorienzahl vergleichen würde; Restaurant- und Weinführer wären schnell geschrieben“, sagt Eike Emrich.

Die Funktionäre erhalten ein totalitäres System zur Produktion von Medaillen aufrecht, obwohl nicht einmal belegt ist, dass dieses System zu mehr Medaillen führt. Je früher sich ein Athlet vom deutschen Sportsystem fördern lässt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass er später auch international Erfolge feiert. Das haben Eike Emrich und der Kaiserslauterer Professor Arne Güllich in einer bislang noch nicht veröffentlichten Untersuchung herausgefunden. In einer siebenjährigen Längsschnittstudie haben sie belegt: Je länger sich Athleten frei entfalten können, desto erfolgreicher sind sie. Auch die zentrale Betreuung an Olympiastützpunkten stellen Emrich und Güllich in Frage. In einer Studie kommen sie zu dem Schluss, dass die Betreuung von Athleten durch Olympiastützpunkte langfristig keine positiven Effekte zeitigt. “Weil das System nicht funktioniert, ist es besonders schlimm, dass du dich als Verband und Athlet dort unterordnen musst”, sagt Arne Güllich.

Wofür braucht Deutschland überhaupt Medaillen? „Ich habe das nie verstanden“, sagt der Sportpädagoge Robert Prohl. „Die Wirtschaftsmacht Deutschland, die aus einer demokratischen Gesellschaft erwächst, sollte selbstbewusst genug sein, sich vom Medaillenzählen zu lösen.“ Der Sport produziere nichts, was einen materiellen Wert habe. Deshalb sollte die Legitimation der Sportförderung viel stärker diskutiert werden, sagt Prohl.

Medaillenplanung fördert Doping
„Im Sport ist der Erfolg nur dann ein sportlicher Erfolg, wenn ich gegen einen im Prinzip gleichwertigen Gegner gewinne. Wenn ich den Erfolg aber über die Fairness setze, dann ist die Grundidee des Sports verfälscht“, sagt der Kölner Sportphilosoph Volker Schürmann. Und: Wenn man acht Medaillen bei Olympia plane, sei darin der Anreiz zum Doping bereits angelegt. „Wenn eine Prüfung dazu da ist, mir eine Rückmeldung über meinen aktuellen Leistungsstand zu geben, dann betrüge ich nicht. Wenn ich aber unbedingt eine bestimmte Note erreichen soll, dann muss ich ja geradezu fudeln.“

Der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer // ddp

Das sieht der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer ähnlich. „Der Druck wird von den Funktionären weitergegeben an die Trainer und Athleten. Ein Trainer steht in der Pflicht, Medaillen zu holen, er muss sich überlegen, wie er seine Stelle sichert“, sagt Gebauer. „Mir drängt sich der peinliche Eindruck auf, dass das Sportsystem der DDR über das der Bundesrepublik gesiegt hat.“

„Mir drängt sich der peinliche Eindruck auf, dass das Sportsystem der DDR über das der Bundesrepublik gesiegt hat.“ – Sportphilosoph Gunter Gebauer

Leichtathletik-Vizepräsident Günther Lohre hofft auf Politik und Medien. Der Sport müsse zum Nachdenken gezwungen werden, aus dem System selbst heraus sei keine Änderung zu erwarten. „Wir müssen neu überlegen: Was für einen Hochleistungssport wollen wir? Der Kalte Krieg ist lange vorbei. Es ist Zeit für eine neue Zielsetzung.“ Erste Ansätze für ein neues Fördersystem gibt es bereits.

Neues System der Sportförderung?
Eike Emrich könnte sich vorstellen, den Verbänden mehr Verantwortung zu übertragen und die Rolle des fachlichen Gutachters direkt ins Ministerium zu verlegen – das Innenministerium lehnt das ab. Er schlägt auch vor, die Fördergelder des Bundes en bloc an den Bundesausschuss Leistungssport zu überweisen und ein unabhängiges Gremium einzurichten, dessen Mitglieder von seinen Entscheidungen nicht selbst betroffenen sind. Die problematische Mittlerrolle des DOSB wäre damit aufgelöst.

Robert Prohl denkt darüber nach, ein Voucher-System einzuführen, damit Sportler Leistungen in Anspruch nehmen können, ohne sich einem zentralen System unterzuordnen. Statt das Geld über zentrale Einrichtungen wie Olympiastützpunkte und Leistungszentren zu verteilen, sollten die Vereine vor Ort Gutscheine bekommen, welche die Sportler nach eigenem Willen einlösen können; zum Beispiel für Massagen, Leistungsdiagnostiken oder Traininglager bei den Betreuern ihres Vertrauens. Jedem Sportler solle grundsätzlich zugetraut werden, dass er selbst am besten wisse, was ihm gut tut. „Im Sport sollten nicht mehr die Medaillen gefördert werden, sondern das Grundrecht des Bürgers auf Sport“, sagt Prohl. „Dann muss die Gesellschaft sich darüber verständigen, wie viel ihr das wert ist.“

Der Sportphilosoph Gunter Gebauer betont, dass Deutschland in der Welt nicht daran gemessen werde, wie viele Goldmedaillen es gewinne. „Wir werden daran gemessen, was für ein Leben in Deutschland möglich ist, wie sich ein Individuum entfalten kann.“ Der Sport sei aber unabhängig von der Medaillenausbeute ein hohes Kulturgut, das es zu schützen gelte. Durchaus auch mit Steuergeld.

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Die Recherchen für diesen Beitrag wurden durch ein Stipendium der Otto-Brenner-Stiftung gefördert und von der Journalisten-Vereinigung Netzwerk Recherche betreut.
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Wie der Medaillennachwuchs trainiert und was er dafür aufgeben muss, haben wir am Wochenende hier beschrieben: „Los, lauf für Deutschland!“
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Umfrage: Wie wichtig ist der Medaillenspiegel?
Die Politik erwartet von den deutschen Athleten, durch ihre Leistungen ein positives Bild im Ausland zu vermitteln. Mit der Medaillenzahl wird die millionenschwere Förderung des Spitzensports begründet. Lässt sich mit diesem Ziel auch der Anspruch vereinbaren, dass der olympische Sport sauber, fair und vorbildlich sein soll? Das Institut für Sportwissenschaften der Goethe-Universität in Frankfurt/Main und das Europäische Institut für Sozioökonomie e.V. in Saarbrücken führen dazu eine wissenschaftliche Untersuchung durch. Zentraler Bestandteil ist eine Online-Befragung. Die Umfrage dauert etwa 15 bis 20 Minuten und findet sich hier.

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Die Kurzversion der Plansport-Story

Im geheimen Vierjahresplan des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) steht alles fest: Acht Medaillen müssen die deutschen Leichtathleten bei den Spielen in London holen, zwei davon in Gold. So wurde es 2008 beschlossen, so sollen es die Athleten ausführen. Bei Nichterfüllung des Planes drohen drastische Konsequenzen: Geldentzug, entlassene Trainer.

Diese verborgene Wirklichkeit der deutschen Sportförderung zur Produktion von Medaillen im Vier-Jahres-Takt erinnert an Planwirtschaft. Deutsche Funktionäre und Beamte versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass die Details dieser Planwirtschaft aufgeklärt werden. Zahlen werden unter Verschluss genommen, Auskünfte selbst vor Gericht verweigert. Die Recherchen dieser Zeitung offenbaren die wahre Dimension des Medaillenwahns in der öffentlichen Sportförderung.

In Athen holten die deutschen Leichtathleten zweimal Silber, in Peking einmal Bronze. Die Vorgabe für London: Eine Medaille im Sprint, drei in den Mehrkämpfen und Sprungdisziplinen, davon eine Gold, vier in den Wurfdisziplinen, auch davon eine Gold. Das steht in einer Zielvereinbarung und erfüllt der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) diese nicht, kann das zwei Konsequenzen haben: Entweder, das Ministerium zieht Mittel ab, als Strafe. Oder es stockt sie auf, weil das Geld für die gesteckten Ziele nicht reicht. Die Entscheidung fällt hinter verschlossenen Türen.

Das BMI schreibt auf Anfrage, es gebe keinen Automatismus. Es bestehe kein Zusammenhang zwischen Medaillenvorgaben und zukünftiger finanzieller Förderung. Kritiker behaupten, DOSB und BMI nutzen die Zielvereinbarungen um unliebsame Verbände zu disziplinieren.

Das Bundesinnenministerium hat den Spitzensport im vergangenen Jahr mit knapp 133 Millionen Euro gefördert – Geld für Olympiastützpunkte, Forschungseinrichtungen und Sportverbände. Was genau Schwimmer oder Leichtathleten in Medaillennähe bringt, das soll der Deutsche Olympischen Sportbund (DOSB) bewerten, neutral. Als Dachverband der Sportverbände muss er zugleich deren Interessen gegenüber dem Ministerium vertreten. Damit ist der DOSB eine Institution mit zwei gegensätzlichen Aufträgen. Das ist das Grundproblem des deutschen Sports.

So erzählen die Leichtathleten von einer abenteuerlichen Verhandlung über ihre erste Zielvereinbarung, 2008 in Frankfurt beim DOSB. Man war sich einig über die Medaillenzahl und die Maßnahmen, die das erfordert: Trainerstellen, Lehrgänge, Projektmittel. Dann wurde das Geld zusammengestrichen, aber die Medaillenziele nicht. Der damalige DLV-Vizepräsident Eike Emrich war fassungslos: Er musste nun die vereinbarte Medaillenzahl mit zwei Dritteln des Geldes erreichen.

„Es wird nur gehandelt, um zu handeln. Als wäre man an den Hof zitiert worden, um in einem großen Ritual vorgeführt zu bekommen, wie die Machtverhältnisse sind.“ Er zögerte wochenlang mit der Unterschrift, hoffte auf einen Sponsor, der ihn aus der Abhängigkeit befreit. „Dann haben wir doch unterschrieben, sonst hätten wir viel zu lange auf das Geld gewartet oder es gar nicht bekommen.”

So geht es vielen Verbänden: Leistung lässt sich beeinflussen, Medaillen nicht. Sie hängen ab von der Tagesform, Manipulationen im Feld, sogar vom Wetter. Der Diskuswerfer Robert Harting ist seit 28 Wettkämpfen ungeschlagen, er soll eine der beiden DLV-Goldmedaillen holen. „Aber wenn er bei seinen Würfen Rückenwind hat, wird er vielleicht nur Dritter“, sagt Emrichs Nachfolger Günther Lohre. „Ich frage mich, warum ich mich solchen Zielstellungen unterwerfen sollte?“

Mit den Zielvereinbarungen kontrolliert der DOSB de facto die Vergabe von Steuermitteln an Sportverbände. Diese Zeitung beantragte im Mai 2011 Akteneinsicht beim Bundesinnenministerium. Nach Rücksprache mit dem DOSB hat das Innenministerium diesen Antrag, für den das Gesetz eine Frist von vier Wochen vorsieht, 14 Monate später noch immer nicht vollständig bearbeitet: So fehlen nach wie vor alle Zielvereinbarungen.

Vor dem Verwaltungsgericht Berlin hängt eine Klage dieser Zeitung an, aber eine Entscheidung könnte sich bis zum Ende der Spiele ziehen. Mehrere Verbände, darunter der DLV, wollten ihre Akten inklusive Zielvereinbarungen freigeben. Der DOSB bestellte mehrere Verbände ins Innenministerium: Laut Teilnehmern der Runde mahnte Generaldirektor Michael Vesper, keine Informationen an die Journalisten weiterzugeben.

Kaum ein Verband traut sich, öffentlich zu protestieren. „Ich höre immer wieder von Verbandsvertretern, die Verhandlungen seien die pure Erpressung. Aber es herrscht eine Atmosphäre der Angst. Öffentlich äußert fast niemand Kritik”, sagt Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD und Präsident des nicht-olympischen Sportakrobatik-Bundes. “Die Zielvereinbarungen sind ein Machtinstrument des DOSB.” Martin Gerster sitzt im Sportausschuss des Bundestages. Selbst Gerster und seine Parlamentskollegen kennen die Zielvereinbarungen nicht.

Im Gespräch bestreitet Michael Vesper den Vorwurf, der DOSB betreibe Machtpolitik. “Der DOSB ist der Dachverband aller Verbände. Da wird nicht willkürlich nach sachfremden Kriterien entschieden, sondern nach Kriterien, die wir gemeinsam in unseren Gremien vereinbart haben.” Das Innenministerium bezeichnet die Mittlerrolle des DOSB zwischen Verbänden und Ministerium als partnerschaftliche Zusammenarbeit, die sich in den vergangenen Jahren bewährt habe. Da das Innenministerium die Förderentscheidung treffe, könne der DOSB den Sportverbänden schon aus rechtlicher Sicht keine Mittel entziehen.

Verbandsvertreter und Wissenschaftler sind sich sicher: Enthalten die Zielvereinbarungen unrealistisch hohe Medaillenzahlen, dann ist darin der Anreiz zum Doping angelegt. Sportphilosoph Gunter Gebauer findet die Vorstellung absurd, dass Deutschland in der Welt daran gemessen werde, wie viele Goldmedaillen es gewinne. „Wir werden daran gemessen, was für ein Leben in Deutschland möglich ist, wie sich ein Individuum entfalten kann.“ Derzeit dränge sich ihm dagegen viel mehr “der peinliche Eindruck auf, dass das Sportsystem der DDR über das der Bundesrepublik gesiegt hat.“ Der Frankfurter Sportpädagoge Robert Prohl sagt: „Im DOSB, aber auch im Innenministerium, ist offenbar noch nicht angekommen, dass der Kalte Krieg vorbei ist.“

Wofür braucht Deutschland Medaillen? „Ich habe das nie verstanden“, sagt Prohl. „Die Wirtschaftsmacht Deutschland, die aus einer demokratischen Gesellschaft erwächst, sollte selbstbewusst genug sein, sich vom Medaillenzählen zu lösen.“

[In einer früheren Version hatten wir DOSB-Generalsekretär Michael Vesper geschrieben. Vesper ist natürlich Generaldirektor. Mit Dank an fabinh0]

13 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. #1

    Der Link zur Umfrage funktioniert nicht.

    Marc am 24. Juli 2012 um 07:19
  2. #2

    Danke, Marc, jetzt müsste es gehen.

    Daniel Drepper am 24. Juli 2012 um 07:42
  3. #3

    […] wir an dem Thema. Unsere lange Geschichte zu den Problemen der deutschen Spitzensportförderung gibt es hier zu lesen. Die Vorwürfe: Intransparent, totalitär, […]

    Das System Plansport: Millionen für MedaillenDaniel Drepper | Daniel Drepper am 24. Juli 2012 um 11:10
  4. #4

    Spannender Text, ein Lehrstück für alle, die mit Sport zu tun haben, Athleten ebenso wie Journalisten, Sponsoren, Politiker und und und. Verdient einen großen Leserkreis – und eine ernsthafte Debatte als Folge.

    Jörg Hahn am 24. Juli 2012 um 11:54
  5. #5

    […] Das Politbüro des Deutschen »Olympischen« Sportbundes hat am 11. Februar 2008 den Vierj…… BRD, BRDDR, Olympia, Planwirtschaft, Sport […]

    Nachtwächter-Blah » Das Politbüro des Deutschen »Olympischen« Spo… am 24. Juli 2012 um 17:47
  6. #6

    Ja, für einen gelungenen Überblick halte ich das auch. Allerdings bin ich etwas skeptisch, dass dazu eine größere Debatte entsteht. Denn diese an Medaillen bemessene Sportförderung ist im Grunde seit Mitte der 90er Jahre umstritten, von dem Zeitpunkt an, als sie in der Folge des sozialistischen Plansports etabliert wurde. Solange das Original existierte, war ein solches System nicht salonfähig im Westen – insofern ist es nicht richtig, das als Überbleibsel aus dem Kalten Krieg zu betrachten. Nein, es entstand – im Westen – erst danach.
    Die erste Variante war das „Förderkonzept 2000″, das BMI setzte es gegen den Willen des DSB mit Androhung einer Haushaltssperre durch. Seinerzeit, die östlichen Perversionen der reinen Medaillenorientierung waren noch jedem bewusst, musste sich der Sport beugen, es gab regen Widerstand, das neue System wurde in vielen Medien breit und intensiv debattiert, auch schon mit denselben Argumenten, die heute von Professoren dagegen vorgetragen werden – und natürlich seither immer wieder.
    Historisch gesehen sind die Zielvereinbarungen bereits eine Abminderung dieses Systems, des reinen Erfolgskriteriums: Gegebenfalls wird aus fehlenden Medaillen resultierendes Minus bei der Grundförderung durch „Projektförderung“ ausgeglichen/aufgestockt. Wenn ich es richtig sehe, hat zuletzt der DLV davon profitiert. Das wäre vielleicht auch eine Nachfrage wert gewesen ;-D

    Historisch gesehen ist es auch Fakt, dass die Variante der Zielvereinbarungen in Zeiten der Großen Koalition, also mit der SPD, durchgesetzt wurde. Deren Kritik jetzt ist okay – zur Einordnung gehört das aber dazu.

    Generell: Solange – und dafür mangelt es offenkundig an politischem Willen – keine alternativen Kriterien entwickelt werden dafür, wann und wofür Spitzensport-Verbände Förderung verdienen, wird es bei diesem System bleiben. Einen fatalen Aspekt, interessant auch im Zusammenhang mit Dopingmentalität, vermisse ich im Text: Dass das Medaillenkriterium schon für die Junioren gilt.

    Grit Hartmann am 25. Juli 2012 um 10:03
  7. #7

    Grit, Danke für die vielen Anmerkungen. Es gibt sicher noch viel mehr dazu zu sagen, hast Du recht. Die wichtigen Bemerkungen nehmen wir auf für die nächsten Geschichten. Wird ja aktuell bleiben, wenn im Herbst aller Voraussicht nach die Zielvereinbarungen neu verhandelt werden.

    Daniel Drepper am 25. Juli 2012 um 10:58
  8. #8

    Nur ein Randaspekt aber bei aller berechtigter Kritik und Empörung: Wir reden hier über gut 1,60 Euro pro Bundesbürger und Jahr, reduziert auf die Erwerbstätigen sind es immerhin 3,40 Euro.
    Allein das Kölner Erzbistum hat laut Wikipedia 2011 mehr als das fünffache (706 Millionen) an Kirchensteuer eingenommen was in ganz Deutschland für den Spitzensport ausgegeben wird. Nun ist es Ansichts- wenn nicht gar Glaubenssache wo wi viel Geld „besser“ aufgehoben ist, es zeigt doch aber die Relationen.

    Uli am 27. Juli 2012 um 10:41
  9. #9

    @Uli: Auf jeden Fall, es gibt genug Orte, bei denen man die Mittelverwendung überprüfen müsste. Im Sport geschieht es bislang nunmal kaum, deshalb haben wir uns diese Ecke vorgenommen. Vielleicht ist es in Zukunft jemand anderes. Parallel schauen wir hier im Ressort ja auch an anderen Ecken.

    Und zu den 3,40 Euro pro Jahr pro Erwerbstätigen: Wenn man die Sportsoldaten dazu nimmt, dazu die Förderung aus anderen Ministerien, Kommunen, Länder etc kommen wir auf höhere Summen. Nehmen wir mal die Rechnung der FAZ, dann sind wir pro Olympischen Zyklus schon bei fast einer Milliarde Euro, etwa 20 Euro pro Erwerbstätigem.

    Daniel Drepper am 30. Juli 2012 um 08:05
  10. #10

    […] Der Haupttext: “Das System Plansport – Millionen für Medaillen” […]

    Daniel Drepper ./. Bundesrepublik Deutschland – 1:0Daniel Drepper | Daniel Drepper am 3. August 2012 um 16:11
  11. #11

    […] Der Haupttext: “Das System Plansport – Millionen für Medaillen” […]

    Medaillenziele, Rugby und ein sich sträubender MinisterDaniel Drepper | Daniel Drepper am 3. September 2012 um 07:09
  12. #12

    […]   […]

    WAZ Rechercheblog » Blog Archive » Olympia: Das System Plansport – Millionen für Medaillen | Spitzenssport Probleme | Scoop.it am 8. Dezember 2012 um 19:03
  13. #13

    […] unser Fördersystem genau anschauen“ dpa: Olympia-Geschäft floriert: IOC-Rücklagen wachsen WAZ: Das System Plansport – Millionen für Medaillen FAZ: Schlaflos bis […]

    NOlympia-Presseschau für Juli 2012 » Nolympia am 6. März 2014 um 22:08

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