Olympia: Motivieren Medaillen Normalos zum Sporttreiben?

31. Juli 2012 von | Keine Kommentare

// Lizenz CC-BY-SA, by S. Diddy auf flickr.com

Deutsche Athleten sollen Medaillen holen, ihre Leistungen sollen ein positives Bild im Ausland vermitteln. Und sie sollen die Bevölkerung zum Sporttreiben motivieren. Damit wird die millionenschwere Förderung des Spitzensports begründet. Werden Sport-Konsumenten durch deutsche TV-Erfolge wirklich zu Sportlern? Kommen Jugendliche durch Britta Heidemann zum Fechten, durch Paul Biedermann zum Schwimmen?

“23 Prozent der deutschen Bevölkerung werden durch Erfolge deutscher Athleten zum eigenen Sporttreiben motiviert”, schreibt der Sportökonom Christoph Breuer in einer Studie für die Stiftung Deutsche Sporthilfe. Bei den bis 30-Jährigen seien es sogar 32 Prozent, die durch Erfolge zu eigenem Sporttreiben motiviert werden. Die Sporthilfe hatte im vergangenen Jahr eine Umfrage zur Bedeutung von sportlichen Erfolgen bei der Deutschen Sporthochschule in Auftrag gegeben.

Die Ergebnisse sind äußerst positiv, angeblich sind zwei Drittel aller Deutschen glücklich, wenn deutsche Athleten viele Medaillen bei Olympischen Spielen gewinnen. Die Umfrage konzentrierte sich auf die “positiven Funktionen des Spitzensports”. Für die Forscher ist das kein Problem: Negative Aspekte seien in den Antworten der Befragten ja ohnehin “eingepreist”, schreibt der Kölner Sportökonom Christoph Breuer, der die Studie geleitet hat. Kritiker sehen das anders. “Der eher problematische Teil des Spitzensports wie Doping und Missbrauch sind nicht angesprochen worden”, sagte der Darmstädter Sportsoziologe Karl-Heinrich Bette im Deutschlandfunk, “das hätte die Studie in ein völlig anderes Fahrwasser gebracht”. Bette kommt zu dem Schluss, die Studie sei eine “Auftragsbestellung nach Art von Parteien”.

“Mega-Events haben keinen eindeutigen Effekt”
Dazu passt, dass Untersuchungen aus England und Kanada ein komplett anderes Bild ergeben. Treiben erfolgreiche Spitzensportler uns Normalos zum Sport an? Eher nicht. Laut einer neuen britischen Umfrage stimmen nur vier Prozent folgender Aussage voll zu: “Wegen der Olympischen Spiele in London treibe ich derzeit mehr Sport.” 80 Prozent stimmten dagegen nicht oder gar nicht zu. Die Spiele hätten also keinerlei signifanten Einfluss auf die Sport-Partizipation in Großbritannien, schreibt die bekannte, kritische Sport-Webseite Play the Game. Dort findet sich auch die ausführliche Analyse der beiden britischen Denkfabriken “Sports Think Tank” und “Theos”. Die schreiben unter anderem: “Mega-Events haben keinen eindeutigen Effekt. Nach den Olympischen Spielen in Australien 2000 wurde berichtet, dass sieben olympische Sportarten einen leichten Zuwachs verzeichnen konnten, neun andere aber einen Rückgang.”

Schon im Dezember 2011 hatte der Guardian berichtet, dass trotz der Olympischen Spiele nur vier englische Sportverbände Zulauf hätten – wohingegen 19 Sportverbände Mitglieder verlieren. Die Olympia-Investitionen motivieren die Briten offenbar nicht zum Sporttreiben, Sportminister Hugh Robertson war “sehr enttäuscht”. Eigentlich wollten die Briten von 2005, als sie die Spiele bekamen, bis 2013 eine Millionen zusätzliche Menschen zum Sporttreiben bringen. Dies ist Teil eines Nachhaltigkeits-Planes für Sportentwicklung, den Olympia-Organisatoren seit den Winterspielen in Vancouver 2010 vorlegen müssen und der als Rechtfertigung für die hohen Milliarden-Ausgaben dienen soll.

Eine Millionen zusätzliche Briten sollen also regelmäßig Sport treiben. “Davon sind wir weit entfernt”, sagte im September 2011 Colin Moynihan, Vorsitzender des britischen Olympia-Komitees BOA. Die Sports Illustrated berichtete damals, in 21 von 30 ausgewählten Sportarten wären weniger Briten aktiv als noch 2007. “Wir laufen Gefahr, in Sachen langfristiger Nachhaltigkeit komplett zu versagen”, sagte Richard Caborn, der bei der Olympia-Vergabe 2005 Sportminister der Briten war. Statt sich von 6,815 auf 7,815 zu steigern, wie eigentlich geplant, waren sechs Jaher nach Vergabe der Spiele nur 6,881 Briten aktiv. Eine minimale Steigerung.

Fördermittel kürzen, wenn die Beteiligung nicht steigt?
Den Engländern ist die Sportlichkeit ihrer Bevölkerung so wichtig, dass sie im vergangenen Jahr sogar damit drohten, den Verbänden Fördermittel zu entziehen, wenn die Beteiligung in den Sportarten bis zu den Olympischen Spielen nicht deutlich ansteigt. Das wäre doch auch mal ein Ansatz für die deutsche Sportpolitik.

Gegen die Rechnung Medaillen = Sportbeteiligung spricht auch die aktuelle Analyse des Kanadiers Peter Donelly, Direktor des “Center for Sport Policy Studies” an der Universität von Toronto. In den vergangenen 20 Jahren ist die Sportbeteiligung in Kanada laut Donelly von 45 Prozent (1992) bis auf 28 Prozent (2005) gesunken, obwohl gleichzeitig die öffentliche Förderung und auch die Anzahl der kanadischen Medaillen gestiegen ist. Donelly schreibt: “Bis zu 90 Prozent der staatlichen Förderung geht in den Spitzensport, nur zehn Prozent unterstützt den Breitensport. Es überrascht kaum, dass die Sportbeteiligung zurückgegangen ist.”

Es fehlt an Geld im Breitensport
Natürlich motivieren Erfolge im Sport Kinder und Jugendliche, schreibt Donelly. Aber durch die immense Spitzensportförderung sei häufig kein Geld mehr da, wenn die neu motivierten Sportler dann bei den Vereinen vor der Tür stehen. Donellys Center for Sport Policy Studies hat kanadische Sportverbände befragt, deren Athleten in den vergangenen zehn Jahren eine olympische Medaille gewannen: Hatten sie verstärkten Zulauf? 19 haben verneint, ein Verband war sich nicht sicher und ein Verband hatte kurzfristig ein paar mehr Mitglieder, aber nur, weil er seinen Medaillengewinner auf Promo-Tour durchs Land geschickt hatte. Donelly fordert mehr Investitionen in der Breite, in Vereine und Trainer. Wenn selbst Olympische Spiele im eigenen Land nicht zu mehr Sportbeteiligung führen, warum sollte das dann mit ein paar Medaillen im TV gelingen? Donelly: “Es reicht nicht, sich zurückzulehnen und zu warten, dass die Menschen inspiriert werden.”

Bisher erschienen zu Sportförderung und Medaillenvorgaben

Haupttext: “Das System Plansport – Millionen für Medaillen”

Hintergründe: Warum wir das Innenministerium verklagen

Datenjournalismus: Die deutsche Sportförderung in Zahlen

Sammlung der bisher bekannten Zielvereinbarungen: Wie realistisch sind die Medaillenvorgaben für London?

Dokument: So sehen Medaillenziele für London aus

Die Kollegen: Presse-Diskussion um neues Fördersystem

Das Orakel: Was die Medaillen-Prognosen sagen

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