Olympia: Sportförderung – Von den Dänen lernen

David Beckham und die Olympische Flamme. Jetzt sind die Spiele rum. // LOCOG/Press Association Images
Sportfunktionäre des DOSB fühlen sich in der seit Freitag laufenden Debatte um die olympischen Medaillenvorgaben missverstanden. Am Wochenende haben sie Fehler zugegeben und lenken damit vom eigentlichen Thema ab: Der fehlenden Transparenz. Lernen könnte der deutsche Sport von den Dänen.
[Von Niklas Schenck und Daniel Drepper]
Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sieht in der Dikussion um überhöhte Medaillenvorgaben für deutsche Athleten vor allem ein Kommunikationsproblem. Der Begriff der Zielvereinbarungen sei unglücklich gewählt. “Wir haben uns wohl im Namen vergriffen, das muss man eingestehen”, sagte Bach. In Zukunft wolle man die Zielvereinbarungen lieber Fördervereinbarungen nennen. Damit lenkte Bach die Aufmerksamkeit der Medien vom Inhalt der Zielvereinbarungen auf ihre Verpackung. “In der Verteidigungshaltung” titelte daraufhin die FAZ (ursprünglicher Titel des Textes “Lächeln gegen die Lachnummer” war “In der Verteidigungshaltung”).
Deutungen statt Diskussionen
In Live-Interviews mit ARD und ZDF versuchten DOSB-Generaldirektor Vesper und sein Präsident Bach am Wochenende dem Eindruck zu widersprechen, es handele sich bei den Zielvereinbarungen zwischen dem DOSB und den einzelnen Sportverbänden um Vorgaben von oben – vielmehr seien diese in einvernehmlichen Prozessen ausgehandelt worden. Thomas Kurschilgen, der Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), kritisierte die Vereinbarungen aber gegenüber dem SID als “nicht hinreichendes Kontrollinstrument, bei dem die Wirksamkeit und die leistungssportliche Entwicklungsarbeit eines Spitzenfachverbandes vordergründig nach Medaillen bewertet wird.“ Er sagte, er könne nicht erkennen, auf welcher Grundlage die darin enthaltenen Medaillenprognosen entstanden seien.
Immer wieder hatten sich in letzter Zeit Verbände darüber beschwert, dass Ihnen zu hohe Medaillenziele aufgedrückt worden seien. Ein Insider hatte uns in den Recherchen vor Olympia berichtet, dass die meisten Zielvorgaben von DOSB und BMI höher angesetzt wurden, als von den Verbänden ursprünglich vorgeschlagen. DLV-Präsident Clemens Prokop kritisierte gestern im Gespräch mit der dpa, “dass die Verantwortung für Misserfolge ganz schnell auf die Verbände delegiert wird und finanzielle Nachteile drohen”. Prokop sympathisiert deshalb damit, die Mittelverteilung zwischen Dachverbänden und Bundesinnenministerium unmittelbar zu organisieren, “um eine bürokratische und kostenintensive Ebene einzusparen”. Die Macht des DOSB soll also eingeschränkt werden. Zuvor hatten sich schon Prokops Generalsekretär Frank Hensel und der Sportökonom Eike Emrich ähnlich geäußert.
Ohne Transparenz ist alles nichts
In der Diskussion um Begrifflichkeiten geht es seit Freitag viel zu wenig um die Frage, wie viel Transparenz das Bundesinnenministerium und der DOSB zulassen wollen. Werden sie die Zielvereinbarungsdokumente, also nicht nur die Medaillenvorgaben, bald öffentlich machen? Zur Erinnerung: Das Verwaltungsgericht Berlin hatte unserer Klage nach dem Pressegesetz stattgegeben und das BMI unter Androhung eines Strafgeldes bis zum vergangen Freitag aufgefordert, die in den Zielvereinbarungen enthaltenen Medaillenprognosen für London und die olympischen Winterspiele in Vancouver 2010 und Sotschi 2014 öffentlich zu machen. Wenige Minuten vor Ablauf der Frist um 15 Uhr übersandte das Ministerium uns die Zahlen.
Thomas Bach und Michael Vesper behaupten nun seit Freitag, sie hätten ohnehin vorgehabt, die Zielvereinbarungen nach den olympischen Spielen zu veröffentlichen. Zugleich warfen sie den Medien vor, die Diskussion unzulässig auf die Medaillenzahlen zu reduzieren. Doch den nötigen Kontext der Vereinbarungen halten sie selbst weiterhin geheim. Wir hatte schon vor 14 Monaten beim Innenministerium Einsicht in die Originaldokumente beantragt. Für eine Diskussion über die Förderung in den kommenden vier Jahren wäre eine Veröffentlichung dieser Dokumente auch nach Ansicht einiger Sportverbände, unter anderem des DLV, essentiell.
Gleiche Diskussion vor ein paar Jahren in Dänemark
Vesper und Bach hatten stets argumentiert, wenn die Ziele und Konzepte der Verbände öffentlich würden, könnten Konkurrenten deutsches Know-how kopieren und Deutschland werde im internationalen Wettbewerb zurückfallen. “Genau die gleiche Diskussion hatten wir vor ein paar Jahren in Dänemark”, sagt dagegen Henrik Brandt, Direktor des Dänischen Instituts für Sportwissenschaften. Jetzt sind in Dänemark alle Dokumente zur Spitzensportförderung öffentlich. In London war das Land mit neun Medaillen so erfolgreich wie seit Jahren nicht mehr. Die Regierung fördert den Spitzensport über das sogenannte Team Denmark. Dessen Aufsichtsrat besetzen zu gleichen Teilen Gesandte des Kultusministeriums und des dänischen Sport-Dachverbandes DIF. Im dänischen Leistungssportgesetz ist festgeschrieben, dass die Förderung von Athleten sozial verantwortlich geschehen muss.
Das Team Denmark analysiert jeden Sportverband ausführlich und öffentlich. Wer eine seriöse Spitzensportabteilung vorweisen kann, wird gefördert. Das sind derzeit 30 Verbände, zu denen längst nicht nur olympische Medaillenbringer gehören: Auch Orientierungslauf und der Wasserski- und Wakeboard-Verband sind darunter. Vor der jährlichen Sitzung des Aufsichtsrates stellt Team Denmark einen Vorschlag für die Förderung der einzelnen Verbände ins Netz. Diesen können Presse und Öffentlichkeit vor der Entscheidung kritisch diskutieren. Die Förderbescheide des Aufsichtsrates werden veröffentlicht. “Wer nicht zufrieden ist, kann dagegen vorgehen”, sagt Brandt. Derzeit klagt der Dänische Volleyballverband gegen seinen Förderbescheid.
“Auf Einschnitte gefasst machen”
Morgen verlässt die deutsche Olympiamannschaft London – die meisten Athleten kehren auf dem Kreuzfahrtschiff MS Deutschland gemeinsam nach Hamburg zurück. Schon kurz danach werden in Gesprächen der Verbände mit dem DOSB die Zielvereinbarungen für den nächsten Olympiazyklus bis Rio de Janeiro 2016 getroffen. Jürgen Fornoff, der Generalsekretär des deutschen Schwimmverbandes, für den Thomas Lurz mit Silber über die 10-Kilometer-Langstrecke die einzige Medaille gewonnen hatte, sagte uns: “Wir müssen uns auf Einschnitte gefasst machen”.
[Auf das Positiv-Beispiel Dänemark sind wir durch einen Blogeintrag bei Jens Weinreich gestoßen]
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In den vergangenen Wochen habe wir umfassend über die deutsche Spitzensportförderung berichtet. Hier die wichtigsten Geschichten:
Die Medaillenziele: Unser Text von Freitagnachmittag
Der Haupttext: “Das System Plansport – Millionen für Medaillen”
Die Recherche: Warum wir das Innenministerium verklagen
Die Entscheidung: Gericht entscheidet für uns – Medaillenziele werden öffentlich
Die Zwangsgeld-Androhung: Deadline bis heute 15 Uhr – der Beschluss

