Ein Comic über den Krieg in Afghanistan

8. Oktober 2012 von | 4 Kommentare

Der Afghanistankrieg ist auch ein Krieg der Bilder und der Sprache.

Ich kann mich an den ersten Golfkrieg erinnern. In den Achtzigerjahren war das. Deutschland war damals friedlich. Wir hatten die Bundeswehr. Niemand hat wirklich geglaubt, dass unsere Armee kämpfen muss.

Mein Cousin war bei den Panzertruppen. Seine Lebenserwartung lag im Kampfeinsatz bei 1 Minute und 30 Sekunden. Das hat er mir jedenfalls damals gesagt. So lange hätte es gedauert, bis die Atomraketen aus dem Osten im Westen eingeschlagen wären. Dann wäre sowieso alles vorbei gewesen.

Später kamen die Friedensmissionen der Bundeswehr. In Kambodscha, in der Adria, in Somalia, in Bosnien, im Kosovo. Und mit den Missionen schien es, als wandelten die Worte ihre Bedeutung. Langsam, ruhig, ohne Brüche. Aus Soldaten wurden Sanitäter, aus der Bundeswehr wurden Brunnenbauer. Aus Krieg wurde Frieden. Und die Deutschen garantierten den Frieden, weil sie nicht kämpfen wollten. Alle harten Kanten der Einsätze wurden abgeschliffen, um neue Missionen zu begründen – mit Worten, weich wie Butter.

"Kriegszeiten" Comic-Reportage zum Afghanistankrieg, von Vincent Burmeister und mir.

"Kriegszeiten" Comic-Reportage zum Afghanistankrieg, von Vincent Burmeister und mir.

Deutschland glitt zurück in die normale brutale Welt da draußen. Manchmal getrieben durch Politiker wie Joschka Fischer. Dieser erzwang auch mit großen Worten Gefolgschaft. »Nie wieder Auschwitz.«

Bei anderer Gelegenheit verwässerten die Politiker die Notwendigkeiten der Einsätze aber auch durch eine Ausdifferenzierung der Mikrodetails bis ins Undurchschaubare. Die Worte wurden zu einem Mantel, unter dem die Realität verschwand.

Das Ziel war immer gleich. Es ging darum, den Handlungsspielraum der deutschen Außenpolitik im Rahmen der Bündnisse zu erweitern – auch um den Preis, Soldaten ins Ausland zu schicken.

Dann kam Afghanistan. Der Krieg wurde dem Westen aufgezwungen. Die deutsche Regierung wollte an der Seite der Verbündeten kämpfen. Dazu fühlte sie sich verpflichtet.

Aber aus Angst vor dem eigenen Volk hielten die Politiker aller herrschenden Parteien an der Umdeutung der Worte fest. Krieg hieß weiter Frieden und Kampf Mission. Die Politiker blieben bei der Tarnung und hielten das Bild vom deutschen Soldaten aufrecht: als Sanitäter, Brunnenbauer, Kinderfreund.

Niemand sagte klar und deutlich, dass deutsche Soldaten in Afghanistan kämpfen müssen, wie Soldaten eben im Krieg zu kämpfen haben. Mit Gewehren, mit Bomben und Toten.

Jahrelang wurde dieses Bild der Friedensmission in unsere Köpfe gehämmert. Und es setzte sich fest. Die Menschen in Deutschland glaubten, die deutschen Friedenssoldaten würden – unbeirrt von Rückschlägen – aus Afghanistan eine friedliche Demokratie machen. Es wurden Schuleröffnungen gefeiert. Der deutsche Bodycount zählte Mädchen, die lesen lernten, nicht Aufständische, die zur Waffe griffen.

Am Ende hatte unser Bild von Afghanistan kaum noch etwas mit der Wirklichkeit zu tun.

Soldaten sind keine Brunnenbauer. Soldaten sind Soldaten. Sie tragen Waffen. Sie töten, wenn es sein muss. Und sie nehmen zivile Opfer in Kauf, wenn es nicht anders geht. Das ist die Wirklichkeit. Schon immer gewesen.

Die Wächter des Friedensbildes sitzen überall – sie achten darauf, dass diese Realität nicht zu hart nach außen scheint. Sie haben Macht. Sie können den Einsatz der Kameras mitsteuern – in dem sie kontrollieren, welches Team wohin fährt. Sie achten auch auf die Worte: Sie protestieren, wenn eine Schlacht »Schlacht« genannt wird. Sie protestieren, wenn ein Panzer »Panzer« heißt. Sie klagen, wenn erobern »erobern« heißt.

Die Wortwächter benutzen dafür einen Tarnmantel aus Details. Sie sagen: Ein Panzer ist kein Panzer, obwohl er so aussieht, sondern ein Schützenpanzer. Das ist was anderes. Sie sagen: Eine Schlacht ist keine Schlacht, obwohl tagelang geschossen wird, sondern ein Gefecht, vielleicht sogar ein hartes. Mehr aber nicht.

Die düsteren Worte des Krieges sind verpönt. Denn die Menschen verstehen, was es heißt, wenn ein Panzer in einer Schlacht kämpft, um ein Stück Land zu erobern. Sie verstehen, dass so Krieg aussieht. Sie hören die Schüsse und teilen die Ängste der Mütter und Väter um ihre Kinder. Überall
.
In den letzten Jahren hat der Tarnmantel Risse bekommen. Bei dem Bombardement von Kunduz starben über 140 Menschen – auch Kinder. Ein deutscher Offizier hatte den Befehl zum Angriff gegeben. Die Toten haben gezeigt, dass Krieg immer Opfer fordert und jeder Soldat gezwungen sein kann zu töten.

Der Befehl war kein Unrecht.

Die Worte vom Krieg zu umgehen ist nicht gut. Für niemanden. Nur wer glaubte, dass die deutsche Armee in Afghanistan alleine Schulbücher verteilt, wurde von der Möglichkeit eines Desasters wie in Kunduz überrascht.

Die Tarnung durch Worte schadet auch den Soldaten. Wenn ein Gefreiter oder ein Offizier der Bundeswehr in Afghanistan steht, kämpft er im Auftrag des deutschen Volkes. Das Parlament hat ihn geschickt. Der Gefreite und der Offizier haben deshalb ein Recht darauf, dass sie das Parlament, das Volk in ihrem Einsatz unterstützt. Auch das ist die Wahrheit.

Ich habe gehört, wie Soldaten angepöbelt wurden, weil sie im Einsatz waren. Ich habe gesehen, wie sich Soldaten geschämt haben, über ihren Einsatz zu berichten. Weil ihre Worte nichts mit dem Bild von der Friedensmission zu tun hatten.

Damit das Volk die Soldaten unterstützt, muss jeder wissen, was die Soldaten tun. Die Politiker im Parlament müssen die Arbeit und den Auftrag der Armee in einfachen Worten und in klaren Bildern genauso begründen und erklären, wie es die Medien tun müssen. Bombenangriffe wie in Kunduz können immer wieder passieren. Kein Soldat trägt an ihnen eine Einzelschuld. Die Angriffe geschehen im Auftrag von allen Deutschen.

Das Bild vom Krieg in Afghanistan wandelt sich langsam. Wir hören und reden von tagelangen Gefechten. Wir sehen Politiker in kugelsicheren Westen. Wir lesen von gesprengten Marder-Schützenpanzern.

Die deutsche Hubschraubertruppe mit ihren schweren Sikorsky-Helikoptern hat sich in Afghanistan den Namen Nazgul zugelegt. Das sind die schwarzen Reiter aus dem Buch »Herr der Ringe«. Die Geister des Bösen. Die deutschen Nazgul jagen niedrig über Grund, damit die Aufständischen sie nicht abschießen. In den offenen Klappen der Helikopter hocken Doorgunner – Schützen an Maschinengewehren.

Wir begreifen, dass in Afghanistan echter Krieg herrscht.

In Deutschland leben heute Veteranen mit verstörenden Geistern im Kopf. Menschen, die an Traumata leiden. Wir beklagen verwundete und tote Soldaten. Es gibt Selbstmorde und gescheiterte Ehen. Die Opfer sind unter uns. Sie leiden in unserem Namen.

Und noch etwas ist die Wahrheit: Es gibt viele Tausend tapfere Soldaten, die den Mut haben, den Auftrag des deutschen Parlamentes in Zentralasien, fern der Heimat, zu erfüllen. Sie kämpfen für uns.

Wenn wir die Nebel der falschen Worte durchstoßen haben, wenn wir begreifen, dass der Krieg in Afghanistan tatsächlich ein Krieg mit Opfern ist, dann müssen wir uns fragen, ob der Auftrag an die deutschen Soldaten dort sinnvoll ist.

Wir müssen das Ziel verstehen. Und wenn es keines gibt, müssen wir uns fragen, ob wir der Mutter des letzten dort gefallenen Soldaten erklären können, warum es richtig war, dass ihr Kind gestorben ist. Wenn wir das nicht können, müssen wir stark genug sein, um die Konsequenzen zu ziehen.

Ich habe Freunde, die regelmäßig durch Afghanistan reisen. Sie sagen mir, früher sei eine Fahrt mit dem Auto von Kabul über Kundus nach Masar-e-Sharif ohne größere Probleme möglich gewesen. Heute nicht mehr. Es gibt Hinterhalte. Über etliche Regionen hat die Zentralregierung die Macht verloren. Aufständische kontrollieren die Drogenmärkte und das Land.

Ich habe mit Vincent Burmeister über den Kampf in Afghanistan einen Comic gemacht. Er heißt Kriegszeiten und ist im Carlsen-Verlag erschienen.

Hier zeigen ich einen Ausschnitt aus dem Comic. Vincent und ich beschreiben in dem Ausschnitt die erste Offensive der Bundeswehr in ihrer Geschichte. Den Angriff deutscher Fallschirmjäger auf das Dort Quatliam im Zuge der Operation “Halmazag”.

Das Wort “Halmazag” heißt im deutschen “Blitz”.

Ich war zuletzt vor einem Jahr in Afghanistan.

Unser Comic soll dabei helfen, die Wahrheit zu sehen.

Der Krieg in Afghanistan ist verloren.

4 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. #1

    Wow!

    Kleine Frage am Rande:
    Was ist das für ein Lied, dass während der Comic-Vorschau gespielt wird?

    Flusskiesel am 9. Oktober 2012 um 08:28
  2. #2

    Am Ende des Comics ist die Webseite der Band verlinkt.

    Daniel Drepper am 10. Oktober 2012 um 07:54
  3. #3

    Ja, die Band heisst PRE/VERSE.

    Ich finde die Musik passt richtig klasse zum Comic. Gute Leute.

    David Schraven am 10. Oktober 2012 um 09:31
  4. #4

    Russen in 70-er haben 10 Jahre Einsatz in Afgan durchgefuehrt. !5 T. tote und verletzte. Echo ist noch jetzt zu vernehmen. Aber nach der russischen Einsatz ist Umlauf von Rauschgift um 50-60% versinkt. Nach Amis Einsatz ist es voellig zu “normallen” 60-en Jahren zurueckgekommen. Heisst es wohl, dass die Amis Rauschgiftkonsum steigern wollen… oder wie…

    YURI am 10. Oktober 2012 um 19:46

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