Doping? Lieber keine Helden stürzen

9. November 2012 von | Keine Kommentare

Es sollte der große Befreiungsschlag werden: Sporthistoriker klären die westdeutsche Dopingvergangenheit auf, historisch, soziologisch, juristisch und ethisch, von 1950 bis heute. So kündigten der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) das Forschungsprojekt im Jahr 2008 an. Dass im DDR-Sport systematisch gedopt wurde, ist längst bekannt. Nun alles Brisante über die BRD bitte, so lautete der Auftrag.

Seit dieser Woche ist klar, das Projekt ist gescheitert. [Unser Haupttext dazu findet sich hier] Als das BISp, das dem Innenministerium angegliedert ist, am Dienstag im Berliner Bundespresseamt die Ergebnisse vorstellte, war der wichtigste Teil der Arbeitsgruppe nicht mal eingeladen: das Forscherteam der Berliner Humboldt-Universität, das durch Archivarbeit mit Fallbeispielen Doping in Westdeutschland belegen sollte. Zwar stellte eine zweite Teilgruppe aus Münster ihre Analyse vor, doch das war nur eine Nacherzählung von Medienberichten ohne Erkenntnisgewinn.

Dabei förderten die Arbeiten der Berliner in den zurückliegenden Jahren heikle Einblicke zu Tage. Im Jahr 2010 stellten sie erste Ergebnisse zu den 50er und 60er Jahren vor. Sie belegten unter anderem Doping-Forschungen der Universität Freiburg, die die Wirkung von Aufputschmitteln testeten. Ein Jahr später verursachten sie weitere Schlagzeilen und sprachen von „systemischem Doping“ in Westdeutschland. Dabei beschuldigten sie das BISp, das Innenministerium und den DOSB, in den 70er und 80er Jahren von Doping nicht nur gewusst, sondern es gefördert zu haben.

Berliner Forscher schonen keine großen Namen
Sie brachten Indizien ans Licht, dass die Fußball-Weltmeister von 1954 mit Pervitin gedopt wurden. Auch drei Vizeweltmeister von 1966 seien gedopt gewesen. Mit diesen Ergebnissen provozierten sie den Widerstand des Deutschen Fußball-Bundes. Der schloss ihnen seine Archive – nicht als einziger Sportverband übrigens – und reagierte mit einem Rechtsgutachten, das den Forschern weitere Behauptungen verbieten will. Die Berliner Gruppe wehrte sich mit einem Gegengutachten. Sie schont weder große Namen noch ihren Auftraggeber.

Vielleicht auch deswegen reden Forscher und Auftraggeber nur noch über-, nicht mehr miteinander. So luden die Wissenschaftler am Donnerstag zur Gegenveranstaltung an die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Dabei erklärten sie ihren Ausstieg. Es ging um Geld, das fehlte. Und es ging um rechtliche Auflagen. So mussten sie während des Projekts unterschreiben, dass sie dem BISp die Hoheit über Daten zusichern. Sie können also nichts veröffentlichen, wenn es das BISp nicht gestattet.

Eine delikate Situation, da die Behörde selbst von den Forschungen betroffen ist. Solch hohe Hürden hatte es bei der Aufklärung des DDR-Dopings nicht gegeben. Solch hohe Hürden sind ungewöhnlich für Wissenschaftler. Nun bleiben wichtige sporthistorische Ergebnisse der Zeit von 1950 bis 1989 unpubliziert. Mit der spannendsten Phase von 1990 bis 2007 haben die Forscher nicht mal begonnen.

Probleme auch in Freiburg
Die Probleme des Forschungsprojektes sind symptomatisch, der deutsche Sport wirkt lasch im Kampf gegen Doping. Weitere Beispiele: Der Großen Kommission der Universität Freiburg zur Aufklärung des Dopings an der Uniklinik sollen entscheidende Akten nicht zur Verfügung gestellt werden. Eine Präsentation der Ermittlungsarbeit lässt seit längerem auf sich warten.

Die Politik sperrt sich im Bunde mit dem Sport seit Jahren gegen ein Anti-Doping-Gesetz. Zur Prüfung des Arzneimittelgesetzes bestellte das Innenministerium zuletzt einen Gutachter, der schon vorher gesagt hatte, dass er gegen eine Verschärfung der Gesetze ist. Das Ergebnis war dementsprechend.

Auch die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) wirkt matt. Aus Ermittlungen der Freiburger Staatsanwaltschaft zog sie keinen Nutzen. Das Erfurter Dopingverfahren versucht sie seit Monaten möglichst geräuschlos zu beenden, interpretiert wohlmeinende Einzelmeinungen als endgültige Regeln, stellt sich damit gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur.

In anderen Ländern funktioniert es
Die Missstände der deutschen Doping-Aufklärung stechen auch deswegen ins Auge, weil es gute Kontraste gibt: Die Anti-Doping-Agentur der USA produzierte mit ihren Ermittlungen zu „Armstronggate“ zuletzt weltweit Schlagzeilen. Sie schöpfte alle rechtlichen Möglichkeiten aus, sparte kein Risiko aus, um das System Armstrong zu zerstören. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft im italienischen Padua gegen den millionenschweren Dopingbetrüger Michele Ferrari.

DOSB und BISp behaupten zwar jetzt, sie hätten das Projekt überhaupt nicht ins Leben gerufen, wenn sie an den Ergebnissen kein Interesse gehabt hätten. Doch die Unterfinanzierung und die juristische Gegenwehr lassen eher darauf schließen, dass das Projekt ohnehin nie mehr als ein Feigenblatt sein sollte. Alibi-Forschung, drittklassig, unrealistisch – mit diesen Etiketten musste das Projekt seit Beginn leben. Die Kritiker dürfen sich bestätigt fühlen.

Gemeinsam mit meinem Kollegen Mathias Hausding habe ich einige meiner Erkenntnisse bereits am Donnerstag auf der Veranstaltung der Berliner Forscher vorgetragen.

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