Warum scheiterte das Dopingprojekt? Sport gibt HU Berlin die Schuld

6. November 2012 von | Keine Kommentare

Fünf Stunden dauerte die große Runde im Bundespresseamt, warum das Halbmillionen-Projekt “Doping in Deutschland” im Chaos versinkt, ist trotzdem noch nicht geklärt. Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft und der Deutsche Olympische Sportbund hatten heute nach Berlin geladen, um die Dopingvergangenheit von 1990 bis heute vorzustellen. Doch die Berliner Forscher waren nicht dabei (wir berichteten). Die Querelen bestimmten die Diskussion.

Das Forschunsprojekt Doping in Deutschland war 2008 auf die Schiene gesetzt worden, es sollte die west- und später gesamtdeutsche Dopingvergangenheit von 1950 bis heute aufklären. 550.000 Euro hat der Steuerzahler mittlerweile dafür ausgegeben, im Bundespresseamt präsentierten am Dienstag trotzdem nur vier Forscher aus Münster ihre Medienanalyse. Die Berliner Forscher waren nicht dabei. Ihr Teil der Forschungen war von vielen als der relevantere eingeschätzt worden. In den vergangenen Monaten hatte es Probleme mit der Finanzierung gegeben, die Ende März ausgelaufenen Verträge der Berliner Gruppe waren nicht verlängert worden. Außerdem beklagten die Forscher Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit, sie seien durch extrem hohe juristischen Hürden von Veröffentlichungen abgehalten worden.

Jürgen Fischer ist Leiter des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft (BISp) und damit der Auftraggeber der Studie. Er verteidigte sein Institut und griff die Humboldt-Universität Berlin an. Die HU sei selbst Schuld, dass sie keine Anträge auf weitere Fördermittel gestellt habe. Das BISp habe die HU im März und April zwei Mal angeschrieben, ob weiteres Geld benötigt werde, die HU habe jedoch nicht reagiert. Zudem habe sich das BISp stets an geltendes Recht gehalten, die Veröffentlichungen müssten mit dem Bundesdatenschutzgesetz abgestimmt sein und dürften keine Persönlichkeitsrechte verletzen. Am 31. Mai habe das BISp der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zugestimmt – allerdings unter den zuvor festgelegten Bedingungen, die die Berliner Forscher als nicht akzeptabel bezeichnen. Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbunds, kritisierte die HU, weil deren Projektleiter Michael Strang seit 30. September 2011 nicht mehr für die HU arbeitet, aber weiter für das Projekt verantwortlich zeichnete.

Schwarzer Peter bei der HU Berlin?
BISp und DOSB bemühten sich, den schwarzen Peter für das scheiternde Projekt der Berliner Universität zuzuschieben. Die Humboldt-Universität konnte sich am Mittwoch nicht dagegen wehren. Ein offizieller Vertreter der HU war nicht anwesend, angeblich trotz Einladung durch das BISp. Die HU hatte auf meine Anfrage am späten Mittwochnachmittag keine Zeit mehr, auf die Vorwürfe zu antworten.

Das Forschungsprojekt war seit Jahren von vielen Seiten als unterfinanziert und zu ausufernd kritisiert worden. 2008 hatten sich lediglich zwei Forschungsgruppen auf das Projekt beworben, Münster und Berlin. Auf die Frage, ob schon mit der Ausschreibung Fehler gemacht worden wären, sagte BISp-Direktor Fischer: “Natürlich wird man im Laufe eines solchen Projektes klüger. Wir wussten, dass es schwierig würde, solch ein Projekt durchzuziehen. Und wir bedauern, dass sich damals nur zwei Universitäten beworben haben. Aber gemessen an dem, was wir an Bewerbungen zur Auswahl hatten, bin ich zufrieden.” Damals habe man nur zwei Möglichkeiten gehabt: Durch eine Zusammenlegung der beiden Anträge die Schwächen des jeweils anderen ausgleichen oder das Projekt ganz absagen. Das Ergebnis ist bekannt.

Wird ein Projektteil neu ausgeschrieben?
BISp-Direktor Fischer beteuerte, dass das Projekt in jedem Fall zu Ende gebracht werden soll und dass es in jedem Fall so zu Ende gebracht werden soll, wie es ursprünglich geplant war – also mit einer Aufarbeitung bis zum Jahr 2007. “Da können sie mich beim Wort nehmen.” Zur Not werde der letzte Projektteil im kommenden Jahr neu ausgeschrieben.

Derzeit läuft ein Anhörungsverfahren des Bundesverwaltungsamtes. Es könnte sein, dass die Humboldt-Universität einen Teil der erhaltenen Steuergelder zurückzahlen muss.

Forscher der Universität tragen am Donnerstag an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder ihre Erfahrungen mit dem Projekt vor. Auch ich werde dort über die Umstände des Projektes und unsere Recherchen sprechen.

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