Zollverein knackt die 500 Millionen Euro

8. November 2012 von | 3 Kommentare

Das Weltkulturerbe in Essen verursacht weitere Millionenkosten. Das Land rechnet mit anstehenden Investitionen in Höhe von 130 Millionen Euro. Die Stadt Essen zahlte bislang 31 Millionen Euro. Ursprünglich sollte die Sanierung nur 90 Millionen Euro kosten.

[von Anne Wohland, Lene-Lotte Burkhard und Daniel Drepper; Lesedauer etwa zehn Minuten]

Die Zeche Zollverein wird immer teurer. Wie nun bekannt wurde, rechnet das Land NRW in den kommenden Jahren mit anstehenden Kosten von weiteren 130 Millionen Euro, um das Gelände des Weltkulturerbes zu erhalten. Das Geld kommt zu den bereits bekannten Förderkosten in Höhe von 440 Millionen Euro hinzu [Unser Text, die Grafik mit allen Zahlen und unser Rechercheprotokoll von Mitte September]. Und damit nicht genug. Wie das Land NRW außerdem bekannt gab, hat die Stadt Essen bis heute rund 31 Millionen Euro in die alte Zeche gesteckt. Das Weltkulturerbe in Essen verursacht damit Kosten von über 500 Millionen Euro.

Und es wird ständig mehr – die laufenden Kosten für Zollverein betragen 19 Millionen Euro pro Jahr. Trotz großzügiger Förderung hat Zollverein zudem ein Minus in der Kasse, es lauern weitere millionenschwere Risiken für Stadt und Land.

Gut 31 Millionen Euro von der Stadt
Die nun bekannt gewordenen Zahlen stammen aus der Antwort der Landesregierung auf eine kleine Anfrage der Piratenpartei im NRW-Landtag. Demnach hat die Stadt Essen 31,43 Millionen Euro ausgeben, allein 24,08 Millionen für den Welterbe-Standort, also den Schacht XII, den Schacht 1/2/8 und die Kokerei. Bislang hatte die Stadt Essen keine Angaben zu ihrem Eigenanteil am Kulturerbe gemacht, Anfragen der WAZ blieben ohne Auskunft.

“Dass man da erst eine Kleine Anfrage stellen muss, ist schade. Die Stadt Essen sollte das von sich aus tun”, sagt Oliver Bayer, baupolitischer Sprecher der Piratenpartei NRW. Bayer hatte mit seiner Anfrage auf die Recherchen der WAZ-Mediengruppe reagiert. Die Kosten hält Bayer nicht für überhöht, Zollverein stehe schließlich für eine ganze Epoche. “Aber wir wollen Transparenz.”

Bayer fordert eine Lösung, um Kosten in Zukunft für Bürger sichtbar zu machen. “Die Aufbereitung und Veröffentlichung der Kosten ist zwar aufwendig, aber notwendig.” Jeder Bürger solle die Möglichkeit haben, die Finanzierung solcher Großprojekte einzusehen. “Schließlich sind die zum Großteil mit öffentlichen Geldern subventioniert”, sagt Bayer. Die genaue Auflistung der öffentlichen Zollverein-Gelder sieht er als ersten Schritt hin zu einem transparenten Veröffentlichungs-System für steuerliche Zuschüsse.

Maßnahmen dauern wohl “mehr als ein Jahrzehnt”
Die Landesregierung schreibt, die Stiftung Zollverein habe “für die nächsten Jahren einen Investitionsbedarf von voraussichtlich 91 Millionen Euro”. Wann was passiert und wie lange das dauert, sei bislang noch nicht klar. “Nach den bisherigen Erfahrungen kann davon ausgegangen werden, dass eine Umsetzung der Maßnahmen sicher mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch nehmen wird”, schreibt das Bauministerium auf Nachfrage. Insgesamt beziffert das Ministerium die Investitionen der kommenden Jahre auf Nachfrage sogar auf 130 Millionen Euro.

[Die Liste des NRW-Bauministeriums im Original: Alle geplanten Maßnahmen auf Zollverein]

Hermann Marth (links) und Oberbürgermeister Reinhard Paß (rechts)

Noch immer nicht bekannt waren bis zuletzt die laufenden Kosten der ehemaligen Zeche. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Zollverein, Hermann Marth, hatte die Zahl der jährlichen Personal- und Sachkosten vor wenigen Wochen in der WDR-Lokalzeit Essen beziffert. Für den “Betrieb und den Erhalt des Standortes” benötige die Stiftung jedes Jahr 19 Millionen Euro. Die Stiftung Zollverein schreibt nun auf Anfrage, diese 19 Millionen seien auf das Kulturhauptstadtjahr 2010 bezogen. „Die jährlichen laufenden Kosten betragen seither circa 11,5 Millionen Euro, zuzüglich der circa 5,5 Millionen pro Jahr für das Ruhr Museum.“ Wofür da Geld im Einzelnen ausgegeben wird, beantwortete die Stiftung nicht.

Trotz der großzügigen öffentlichen Förderung steht Zollverein derzeit unter Druck. Wie aus einer Unterlage des Essener Stadtrates hervorgeht, rechnet die Verwaltung mit finanziellen Risiken in Höhe von rund vier Millionen Euro.

Risiko: Der Rechtsstreit mit Architekt Böll
Das Größte Risiko für Zollverein ist der Rechtsstreit mit dem Architekten Heinrich Böll. Der Streit ist bereits mehrerere Jahre alt. Heinrich Böll hatte die Zeche Zollverein rund 20 Jahre lang federführend saniert, sein letzter großer Auftrag war der Umbau der Kohlenwäsche. Zollverein warf Böll danach vor, nicht vernünftig gearbeitet zu haben und verweigerte die Zahlung von mehr als einer Millionen Euro.

Mittlerweile sind die Kosten offenbar gestiegen. Mit Zinsen, Anwalts- und Gerichtskosten summiert sich das Risiko dem Ratspapier zufolge im schlimmsten Fall auf 2,61 Millionen Euro. Das Verfahren läuft weiter, immer wieder waren zuletzt Gerichtstermine verschoben worden. Der nächste Termin am Landgericht Essen ist erst im März 2013. Darüber hinaus gibt es derzeit weitere Rechtsstreitigkeiten, zum Beispiel wegen der neu gebauten Zollverein School.

Vor eineinhalb Jahren hatte die Stiftung Zollverein nach WAZ-Informationen zudem mehrere hunderttausend Euro offene Rechnungen der Firma Hochtief. Damals schien es so, als bereite sich die Stiftung auf einen Prozess vor. Hochtief hatte auf Zollverein seit 2010 das Facility Management übernommen, eine Art Hausmeister-Service. Der Vertrag mit Hochtief war Ende 2011 ein Jahr vor Ende der Laufzeit vorzeitig aufgelöst worden. Weder Hochtief noch Zollverein wollten sich zu den Gründen der vorzeitigen Vertragsauflösung äußern. Diese sei einvernehmlich gewesen, schreibt die Stiftung Zollverein auf Anfrage. „Es gibt keine Klage von Hochtief gegen die Stiftung Zollverein oder umgekehrt.“

Minus 831.000 Euro in der Kasse
Unabhängig von rechtlichen Risiken hat Zollverein ein Minus in der Kasse. Zum Stichtag 30. April 2012 lag dieses Minus bei 831.000 Euro. Der Hauptgrund: Die Verantwortlichen haben Steuergeld ausgegeben, das von Förderern wie der Europäischen Union als “nicht förderfähig” eingestuft wurde.

Nicht förderfähig waren zuletzt unter anderem 250.000 Euro für den Zollvereinpark, 120.000 Euro für die Design-Ausstellung Entry, 68.000 Euro für eine Strategieberatung, 40.000 Euro für eine Anschubfinanzierung und 65.000 Euro für den Neubau der Zollverein School, 50.000 Euro für den Design-Gewerbepark sowie 44.000 Euro, die für eigene Zwecke wie Personal oder Marketing ausgegeben wurden. Der Fehlbetrag wird nun wohl von Stadt und Land jeweils zur Hälfte geschultert, genaueres soll im kommenden Jahr diskutiert werden.

Hinzu kommt, dass der Regionalverband Ruhr bislang die Betriebskosten für die Kohlenwäsche aus dem Jahr 2007 noch nicht bezahlt hat. Zollverein fordert hier 228.000 Euro vom RVR. Und eine Fahrradstation für 218.000 Euro ist bereits bezahlt, aber noch nicht bewilligt worden.

Die Stiftung Zollverein betont, dass ihr Betrieb durch langfristige Verträge gesichert sei; mit dem Land, dem Landschaftsverband Rheinland, der Stadt Essen und dem Regionalverband Ruhr. Diese teilen sich offenbar auch die jährlichen Kosten. „Im Übrigen werden alle Vorgänge ständig vom Controlling, der Bezirksregierung und dem Landesrechnungshof im Wege der Nachweisverfahren geprüft“, schreibt die Stiftung.

War das Minus absehbar?

Als “absehbar” bezeichnet der Katernberger CDU-Ratsherr Siegfried Brandenburg das Minus. “Aber man hat darüber hinweggesehen, weil klar war, dass das später sowieso gedeckt wird.” Bislang sind laut Ratsunterlage nur die Fördergelder bis zum Jahr 2008 geprüft, für die folgenden Jahre werden vermutlich noch weitere Rückzahlungen auf Zollverein zukommen – und damit auf Stadt und Land.

Ratsherr Brandenburg kritisiert, dass die Stiftung Zollverein zu viel Personal beschäftige. “In der Stiftung arbeiten emotionslose Menschen, die keine Ahnung haben. Und die auch nicht wollen, das andere mitspielen. Dort wo die Stiftung nicht drin ist, da funktioniert es.”

Feuerwerk auf Zollverein.

Nichts mehr zu tun mit der Stiftung Zollverein hat Annette Heydorn. Seit dem 31. August ist Heydorn nicht mehr Geschäftsführerin der Entwicklungsgesellschaft, der Rat der Stadt hat sie abberufen. Annette Heydorn war seit 2010 Geschäftsführerin, kam 2007 vom Projektentwickler Drees & Sommer. Schon dort war Heydorn für den Umbau der Kohlenwäsche zuständig. Vor ihrer Arbeit bei Drees & Sommer arbeitete Heydorn für das Bauamt der Stadt Essen.

Roland Weiss hatte Heydorn damals von Drees & Sommer zu Zollverein geholt, sie übernahm die Rolle der Geschäftsführerin, als Weiss 2010 zur Architektengruppe Wolff wechselte. Weiss ist mittlerweile selbstständig und betreut den Neubau der Messe Essen. Nun folgt ihm Annette Heydorn erneut, seit Mitte Oktober arbeitet sie wieder für Weiss. Stiftung Zollverein und Stadt Essen wollten sich zur Ablösung Heydorns nicht näher äußern.

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3 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. #1

    “In der Stiftung arbeiten emotionslose Menschen, die keine Ahnung haben. Und die auch nicht wollen, das andere mitspielen.”

    PRIMA. HÄTTE WIKI LEAKS NICHT BESSER ANS LICHT GEBRACHT
    Ratsherr Brandenburg

    Ratsherr Brandenburg am 9. November 2012 um 10:00
  2. #2

    Ich gehe mal davon aus, dass Sie nicht Herr Brandenburg sind. Aber trotzdem Dank für Ihren ironischen Kommentar. Gibt’s auch inhaltliche Kritik?

    Daniel Drepper am 9. November 2012 um 11:57
  3. #3

    KöblKruse überall dabei.
    http://www.rag-montan-immobilien.de/index.php?siteID=664&newsID=262

    Kersten am 10. November 2012 um 16:06

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