Interview mit Michael Vesper: “Zielvereinbarungen werden öffentlich”

18. Dezember 2012 von | 1 Kommentar

Michael Vesper ist zufrieden mit dem Olympia-Jahr, mit der Medaillenausbeute der deutschen Sportler. Kritik an der intransparenten Sportförderung und fehlenden Doping-Gesetzen versteht der Generaldirektor des DOSB nicht. Immerhin will er die Zielvereinbarungen für die Olympischen Spiele in Rio im Frühjahr 2013 öffentlich machen.

[Um Vespers Aussagen einzuordnen, empfehle ich die Lektüre der verlinkten Hintergründe]

Politiker und Funktionäre sagen, sie wüssten dank ihrer politischen Vergangenheit sehr genau, was Sie wollen und auch, wie Sie bekommen, was Sie wollen…
Ich freue mich über dieses Lob.

…Das Lob ist häufig mit Kritik verbunden, teils mit Abneigung. Woher kommt diese Abneigung?
Ich spüre keine Abneigung. Ich pflege einen freundlichen und offenen Umgang mit allen meinen Gesprächspartnern. Als Generaldirektor kann ich aber, wie schon früher als Minister, nicht Everybody‘s Darling sein. Wenn sich der eine oder andere beklagen möchte, sollte er das nicht Ihnen gegenüber tun, sondern mir direkt sagen. Dann kann ich mich mit der Kritik auseinandersetzen, was ich sehr gerne tue.

Kritik gab es auch am Vorgehen des DOSB in Sachen Anti-Doping-Gesetz. Warum sperren Sie sich gegen ein hartes Anti-Doping-Gesetz?
Tun wir doch gar nicht. Wir haben vom Gesetzgeber einmütig gefordert, die Anti-Doping-Gesetzgebung von 2007 weiter zu verschärfen. Wenn aber das Eigendoping zusätzlich zur sportrechtlichen Bestrafung durch sofortige spürbare Sperren auch in die Sphäre des Strafrechts gehoben werden soll, wird das nach meiner festen Überzeugung eher kontraproduktiv wirken. Es könnte zu gegenläufigen Urteilen – hier Sperre, da Freispruch mangels Beweisen – oder zu Doppelbestrafungen für ein und dieselbe Verfehlung führen. Wir müssen da die Risiken sorgfältig abwägen. So könnte ein Sportler, der erst durch eine Sperre und dann durch ein staatliches Urteil bestraft würde, nach Artikel 50 der europäischen Grundrechtscharta dagegen vorgehen und damit das ganze Doping-Kontrollsystem gefährden. Das ist unsere große Sorge.

In Italien funktioniert es auch. Dort gibt es ein hartes Anti-Doping-Gesetz und dazu das Sportrecht, beides existiert nebeneinander.
Auch in Deutschland können und sollen Sportler vor dem Kadi landen, die Dopingmittel in größeren Mengen besitzen oder vertreiben, denn selbstverständlich muss Handeltreiben mit härtesten Maßnahmen verfolgt werden. Der Knackpunkt liegt im Vollzug: Die Staatsanwaltschaften sind schon jetzt überlastet und brauchen für ihre Verfahren im Durchschnitt zehn Monate. Vor allem kennen sie vielfach das Sachthema Doping nicht, wissen nicht einmal von der NADA. Wir brauchen für einen effektiven Anti-Doping-Kampf flächendeckend Schwerpunktstaatsanwaltschaften, die sich auskennen und die den Besitz einer geringen Menge von Dopingmitteln als hinreichenden Anfangsverdacht für Straftaten werten. Leider tut das selbst die hochgelobte Schwerpunktstaatsanwaltschaft in München bis heute nicht – im Gegensatz zu anderen, wie aus dem Evaluierungsbericht der Bundesregierung hervorgeht.

Bisher können Staatsanwälte ermitteln, wenn sie auf den Besitz nicht geringer Mengen stoßen. Diese Mengenangaben sind aber sehr hoch angesetzt. Die Münchener Staatsanwältin Mühlbauer wünscht sich, dass sie auch bei geringen Mengen ermitteln darf.
Andere raten sehr nachhaltig davon ab, zum Beispiel Professor Matthias Jahn, der selber viele Jahre lang als Staatsanwalt gearbeitet hat und deswegen die Praxis sehr genau kennt. Selbstverständlich werden wir auch die Diskussion mit Frau Mühlbauer vertiefen. Aber sehen Sie: Bevor das Disziplinarrecht bei einem Vergehen eines Beamten angewandt wird, wartet man erst den Ausgang des Strafverfahrens ab. Wir befürchten genau das im Anti-Doping-Kampf. Es kann doch nicht in unserem Sinne sein, dass eine Sperre nicht zeitnah am nächsten Tag verfügt wird, sondern erst nach Ausgang eines strafrechtlichen Verfahrens, das meist Jahre dauert.

Die WADA hat vor kurzem eine Statistik veröffentlicht, nach der 90 Prozent der Urteile am Weltsportgericht CAS auf den Ermittlungen aus Italien fußen.
Meines Wissens werden in Italien überwiegend die Hintermänner angeklagt, also diejenigen, die Dopingmittel vertreiben oder anwenden. Genau diese Straftaten können auch in Deutschland verfolgt werden

Immer wieder wird behauptet, der DOSB halte die Diskussionen um die Medaillenvorgaben und die Anti-Doping-Gesetzgebung klein, weil Thomas Bach im kommenden Jahr Ambitionen auf die IOC-Präsidentschaft hat. Wie äußert sich Thomas Bach intern über seine Bewerbung zum IOC-Präsidenten?
(Lautes Gelächter bei Michael Vesper und Pressesprecher Christian Klaue, der als Stichwortgeber mithört) Wir sind ja hier unter uns, oder? Nein, ernsthaft: Das eine hat mit dem anderen absolut nichts zu tun. Thomas Bach ist – und das beweist er auch in seinen IOC-Funktionen – ein entschiedener und konsequenter Kämpfer gegen jedes Doping. Ausgerechnet ihm eine verharmlosende Tendenz zu unterstellen, ist wirklich neben der Sache.

Und wann gibt Thomas Bach seine Kandidatur jetzt bekannt?
Ob er kandidiert, müssen Sie ihn selber fragen. Die Wahl des neuen IOC-Präsidenten ist im September nächsten Jahres, und er hat sich bislang noch nicht entschieden, ob er antritt. Er wird das rechtzeitig entscheiden und dann sicherlich auch öffentlich machen.

Sollte Herr Bach antreten und gewählt werden: Gibt es schon Überlegungen, wer Bach nachfolgen wird?
Nein. Darüber zu spekulieren, lohnt auch nicht. Sollte das eintreten, was Sie jetzt unterstellen, werden wir Zeit genug haben, diese Frage zu beantworten.

Hätten Sie Lust, DOSB-Präsident zu werden?
Eine Fangfrage. Das steht überhaupt nicht zur Debatte, weil Thomas Bach bis Dezember 2014 gewählter Präsident des DOSB ist. Und ich bin mit Leib und Seele Generaldirektor. Wir beschäftigen uns mit diesen Fragen, wenn sie sich stellen.

Eine Arbeitsgruppe überlegt sich derzeit für den DOSB ein neues Konzept für den Nachwuchsleistungssport. Wird die deutsche Sportförderung jetzt doch reformiert?
Wir haben seit London eine ganze Reihe von Gesprächen geführt mit Verbänden, mit internen und externen Kritikern, mit Experten. Diese Gespräche werden wir auch weiter führen. Natürlich nehmen wir Vorschläge und Anregungen auf. Das wird alles sehr sauber abgearbeitet.

Sie haben gesagt, die Verteilung von Steuergeld im Sport sei für die Beteiligten so transparent wie nie. Warum machen Sie die Verteilung nicht auch für Außenstehende transparent?
Die Haushaltszahlen werden jedes Jahr öffentlich im deutschen Bundestag verabschiedet. Auch die Grundförderung der Verbände und der Berechnungsschlüssel sind öffentlich. Die Projektförderung wird, wie der Name schon sagt, an Projekte gebunden, die zwischen dem DOSB und den einzelnen Verbänden ausgehandelt werden. Das waren 2012 sieben von insgesamt rund 32 Millionen Euro Verbandsförderung, betreffen also nur einen relativ kleinen Teil der Gesamtsumme. Diesen Anteil würden wir gerne ausbauen.

Werden die Zielvereinbarungen in Zukunft öffentlich sein?
Die Ergebnisse der Gespräche werden wir sicher in geeigneter Weise öffentlich machen, ja.

Steht schon fest, wie sie das machen werden?
Die Gespräche laufen jetzt an und sollen bis Frühjahr nächsten Jahres abgeschlossen sein. Wir müssen das mit den Verbänden besprechen, so etwas geht nur im Einvernehmen.

Für das kommende Jahr hat der Haushaltsausschuss des Bundestages dem DOSB überraschend drei Millionen Euro mehr genehmigt
Erfreulicherweise.

…Ist das Ihr Verständnis der Aufgabe als DOSB-Generaldirektor, dass Sie nach den Beratungen im Sportausschuss nochmal auf einzelne Politiker Einfluss nehmen?
Meine Aufgabe ist es, die Interessen des Sports gegenüber Politik und Gesellschaft bestmöglich zu vertreten, ja. Das tun auch andere. So hat die Kulturpolitik in letzter Minute sogar einen erheblich höheren Betrag obendrauf bekommen. Wo liegt das Problem? Wir freuen uns über die drei Millionen.

Sind Sie mit dem Olympiajahr 2012 persönlich zufrieden?
Wenn ich das mit einem Wort beantworten soll: Ja. Natürlich schwingen auch Enttäuschungen mit. Wenn ich an Sportarten denke, in denen wir viele Jahre und Jahrzehnte groß waren und die jetzt in London keine Erfolge erzielen konnten, beispielsweise die Beckenschwimmer oder die Schützen. Aber wir haben auf der anderen Seite drei Medaillen mehr als in Peking gewonnen und damit die fünftmeisten Medaillen aller Nationen. Wir waren 125 mal im Finale dabei, 15 mal mehr als in Peking. Dieses Ergebnis kann sich angesichts der verschärften internationalen Konkurrenz wirklich sehen lassen.

1 Kommentar zu diesem Beitrag

  1. #1

    [...] WAZ Rechercheblog: Interview mit Michael Vesper: “Zielvereinbarungen werden öffentlich” suedostschweiz.ch: Bündner Regierung weist Vorwürfe [...]

    NOlympia-Presseschau für Dezember 2012 » Nolympia am 6. März 2014 um 22:42

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