Sportförderung: Der kurze Draht des DOSB in den Haushaltssausschuss

5. Dezember 2012 von | 1 Kommentar

Am Wochenende trifft sich der Deutsche Olympische Sportbund in Stuttgart zur Mitgliederversammlung. Die Mitgliedsverbände werden auch über die Verteilung der staatlichen Förderung diskutieren. Wie der DOSB an das Steuergeld kommt, ist nach wie vor undurchsichtig. 2012 halfen persönliche Gespräche, 2007 war es ein 30-seitiges Papier, das niemals öffentlich diskutiert wurde.

[Von Robert Kempe und Daniel Drepper]

Im Notfall helfen ein paar persönliche Gespräche: Der deutsche Sport bekommt im kommenden Jahr drei Millionen Euro mehr als vorgesehen. Das hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages kurzfristig beschlossen, nach Lobbyarbeit des DOSB-Generaldirektors Michael Vesper. Die deutsche Sportförderung wird seit Jahrzehnten aufgrund politischer Stimmungen vergeben und kaum anhand objektiver Kriterien.

Über die zusätzlichen drei Millionen war im Sportausschuss zuvor niemals gesprochen worden, sagt die Sportsprecherin der Grünen Viola von Cramon. Stattdessen hatte CDU-Politiker Norbert Barthle erst in der sogenannten Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses überraschend für die Erhöhung plädiert. Barthle ist haushaltspolitischer Sprecher der Unionsfraktion und gilt als Skisportfan. Der Präsident des Verbandes für das Skilehrwesen hat auch Erfahrungen im organisierten Sport.

Gespräch mit dem Haushaltspolitiker
Vor der Entscheidung hatte Barthle mit dem DOSB gesprochen. Die Entscheidung zur Erhöhung der Mittel sei jedoch mit den Sportpolitikern der CDU abgestimmt worden. Aus der Union heißt es, dass der DOSB sich nach der abschließenden Haushaltssitzung im Sportausschuss noch einmal wegen finanziellen Mehrbedarfs an die Partei gewendet hatte, um doch noch mehr Geld zu bekommen. Quasi durch die Hintertür.

“Das oberste Gebot sollte Transparenz sein. Aber auf dem kurzen Dienstweg drei Millionen zu genehmigen, ist angesichts der angespannten Haushaltssituation nicht zu rechtfertigen”, sagt Grünen-Sportsprecherin von Cramon.

Die Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag (SPD) fragt die Bundesregierung nun, wie es zu der Drei-Millionen-Erhöhung kam und welche Dinge mit diesen drei Millionen überhaupt bezahlt werden sollen [Korrektur, 13.12.2012: Wir hatten zuvor von einer kleinen Anfrage geschrieben, es war jedoch eine normale, schriftliche Anfrage]. Nach Freitags Einschätzung führt der DOSB seit 2006 die entscheidenden Gespräche zum Sporthaushalt mit den Haushältern der jeweils stärksten Fraktion. Es könne nicht sein, dass das BMI nicht wisse, wofür es mehr Geld an den DOSB überweisen müsse, so Freitag.

Michael Vesper sagt, als Generaldirektor des DOSB sei er ständig mit allen möglichen Abgeordneten in Kontakt, um die Interessen des Sports durchzusetzen. “Das ist ja meine Aufgabe: Den Bedarf, den wir an Leistungssportfinanzierung erkennen, der Politik auch weiter zu vermitteln.”

20,5 Millionen Euro – mehr als ein Viertel Aufschlag
Die bisher letzte deftige finanzielle Erhöhung für den Sport gab es im Zeitraum 2007 bis 2010. Damals stieg der Etat für die Verbände und Stützpunkte um 20,5 Millionen Euro. Das war eine Steigerung um mehr als ein Viertel.

Dem vorangegangen waren Gespräche mit dem damaligen Innenminister Schäuble. Der hatte durchblicken lassen, dass eine Erhöhung möglich sei. Für den DOSB war das der Startschuss: Mehrere Mitarbeiter der Abteilung Leistungssport setzten sich monatelang an die Begründung für das Innenministerium. Das zentrale Dokument hat fast 30 Seiten. Es enthält detaillierte Jahresplanungen, Informationen über geplante Zahlungen an einzelne Verbände und die Aufstockung von Trainerstellen. Das Papier liegt uns vor.

-> Das Papier und mehr Hintergründe gibt’s hier im Original

Arne Güllich arbeitete damals für DOSB-Leistungssportdirektor Bernhard Schwank. Güllich sagt, niemals vorher sei so viel Aufwand betrieben worden, um eine Erhöhung des Sportetats zu begründen. Trotzdem ist sich Güllich nicht sicher, ob die Politik das Papier als Basis für die 20-Millionen-Erhöhung genommen hat. Der Sportausschuss zum Beispiel hat das Dokument noch nie gesehen.

Bereitschaft statt Begründung
“Ob Förderung erhöht wird, ist nicht eine Frage von belastbarer Begründung, sondern in erster Linie eine Frage von Bereitschaft”, sagt Güllich. “Kriterium von Wissenschaft ist wahr oder nicht wahr. Kriterium von Politik ist Akzeptanz oder nicht Akzeptanz. Geht es um Sportförderung, dann ist das Kriterium vor allem Bereitschaft aufseiten der Politik.”

Die Begründung für die 20-Millionen-Erhöhung ist in ihren Details niemals öffentlich diskutiert worden, auch der Sportausschuss hat das Papier nicht gesehen. Immer wieder wird kritisiert, dass es an nachvollziehbaren Begründungen für die deutsche Sportförderung mangelt. Warum bekommt wer, wann, wie viel und für welchen Zweck?

Kein Unterschied zwischen Wunsch und Bedarf

“Es gibt keine wissenschaftlich fundierten Effizienzparameter für Förderung im Leistungssport. Es gibt keine Kriterien, um zwischen Wunsch auf der einen Seite und Bedarf auf der anderen Seite scharf zu unterscheiden”, sagt Arne Güllich, der heute das Fachgebiet Sportwissenschaft der TU Kaiserslautern leitet.

Der DOSB wollte sich zum Papier von 2007 vor seiner Mitgliederversammlung am Samstag nicht äußern. Schon auf eine erste Anfrage im Sommer reagierte er wenig begeistert und bat darum, das Papier nicht zu veröffentlichen. Offenbar ist eine öffentliche Diskussion nicht erwünscht, sich auf direkte Gespräche zu verlassen scheint vielversprechender zu sein.

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Wir recherchieren weiter zur deutschen Sportförderung, zu DOSB, zum BMI, zu einzelnen Verbänden. Sie haben Infos? Schreiben Sie uns an daniel.drepper (at) gmail.com, rufen Sie an unter 0176 611 96 014 oder schicken Sie uns Ihre Nachrichten anonym, zum Beispiel über den verschlüsselten Datei-Upload.

1 Kommentar zu diesem Beitrag

  1. #1

    [...] WAZ Rechercheblog: Sportförderung: Der kurze Draht des DOSB in den Haushaltssausschuss newsinenglish.no: Oslo 2022: Referendum set over Olympic bid olympia-nein.ch: Wer zahlt das [...]

    NOlympia-Presseschau für Dezember 2012 » Nolympia am 6. März 2014 um 22:43

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