Christchurch – Leben in den Ruinen

22. Februar 2013 von | Keine Kommentare

Die „Red Zone“ verläuft mitten durch Christchurch. Niemand darf die rote Zone betreten. Polizei und Soldaten patrouillieren die Eingänge der Red Zone. Nur wer einen speziellen Passierschein hat, darf dort rein, in das Sperrgebiet, in das Niemandsland, das einmal das Herz der zweitgrößten Stadt Neuseelands war.

Das Erdbeben hat Christchurch gänzlich verändert. // Foto: Anna Neifer

Das Erdbeben hat Christchurch gänzlich verändert. // Fotos: Anna Neifer

Spencer Trillo arbeitet in der Red Zone. Er erinnert sich, wie es kurz nach dem Erdbeben aussah. „Als das Erdbeben vor zwei Jahren kam, sind die Leute weggerannt. Sie haben ihre Sachen zurückgelassen, Handys, Taschen, Jacken. Es war wie in einer Geisterstadt. Auf den Tischen vor den Cafés lagen auf Tellern immer noch Reste von Sandwiches und Kuchen, manchmal stand sogar noch eine Tasse daneben.“

Die Red Zone ist voll mit Essen. In Restaurants, Bars, Bäckereien und Läden gammelt das Zeug vor sich hin. Ungeziefer und Ratten tummeln sich in den Monaten nach dem Erdbeben in zerstörten Kühlräumen und Küchen. Für sie ist es das Paradies. Die Stadt muss die Seuchenbekämpfung einschalten. Die kalten Monate nach dem Erdbeben, verhindern eine Plage.






Doch es streifen noch andere Ratten durch die Red Zone. Immer wieder fischt die Polizei Diebe aus der Sperrzone, die aus dem Chaos Profit schlagen wollen. Von der Polizei unbemerkt gab es massenweise Plünderungen. In einem Hotel wurden zurückgelassene Handys und Computer geklaut. In einem Juwelier-Geschäft fehlt sämtlicher Goldschmuck.

Die Red Zone ist ein Splitter im Herzen von Christchurch. Eine weiße Staubschicht hat sich über alles gelegt. Verlassene Gebäude, Ruinen und Schutt. Die Stadt ist gelähmt. Das tote Gebiet im Zentrum muss großräumig umfahren werden. Im November 2011 werden nur einige Hauptstraßen und Teile der Innenstadt wieder freigegeben. Bis heute ist das Zentrum ein Labyrinth aus Sackgassen. Immer wieder enden Wege abrupt vor einem Zaun, der mitten auf der Fahrbahn steht.

Kurz bevor Du das Erdbeben spürst, hörst Du es kommen. Die Häuser ein paar Straßen weiter hat dieses dumpfe Grollen schon erfasst und es rast auf Dich zu. Du reißt die Augen auf. Du machst Dich bereit, spannst die Muskeln an, wartest. Es kommt. Unaufhaltsam.

Cassie Welsh hat das Erdbeben in Christchurch 2011 miterlebt. // Foto: Anna Neifer

Cassie Welsh hat das Erdbeben in Christchurch 2011 miterlebt.

Cassie Welsh hat es erlebt, das große Beben am 22. Februar 2011. Cassie ist Sozialarbeiterin. Sie lebt in Christchurch. Am Tag des Bebens war Cassie an der Universität von Christchurch. Ein Tag wie jeder andere, sie ist zum Mittagessen verabredet und verlässt die Bibliothek. Plötzlich beginnt der Boden unter ihr zu beben. Sie will sich unterstellen, in Sicherheit bringen. „Aber ich konnte nicht einmal laufen, der Boden hat sich so stark bewegt, dass ich nicht vorankam.“

Das Beben erreicht auf der Richterskala eine Stärke von 6.3. Da es aber nur fünf Kilometer unter der Erdoberfläche liegt, spürt Cassie wie die Wellen unter ihren Füßen hinwegrollen. Nach einer halben Minute ist alles wieder vorbei. Cassie bleibt unverletzt, um sie herum Scherben. Die Fenster aus dem Unieingang sind herausgebrochen. „Sirenen heulten auf und der Staub von der Stadt war einfach verrückt.“ Cassie weiß noch nicht, dass der Staub von den eingestürzten Gebäuden ihrer Stadt aufgeht. Cassie will nur noch nach Hause, sie ist gerade erst umgezogen, aber gibt es ihre Wohnung noch?

In Christchurch ist nichts mehr, wie es war. Hochhäuser sind weggebrochen wie Streichhölzer, Steine und Balken haben alles unter sich begraben. Metertiefe Risse zerfurchen den Asphalt. Grundwasser sprudelt an die Oberfläche. Stadtteile werden überschwemmt. Straßen sacken mitsamt den Autos in die Tiefe. Bahngleise biegen sich als wären sie aus Gummi. Viele Menschen flüchten aus der Stadt, die Highways und Tankstellen sind überfüllt. Die Menschen fürchten sich vor Nachbeben und vor Tsunamis.

Cassie bahnt sich mit einer Freundin von der Universität aus einen Weg durch die Innenstadt. Um sie herum liegen Trümmer. Menschen laufen ziellos umher. Andere haben längst verstanden, dass jetzt jede Sekunde zählt. Sie durchsuchen mit bloßen Händen die Stein- und Stahlhaufen. Sie suchen nach Leben. Ein Mann ist gerade noch davon gekommen. Er sitzt auf dem Bordstein, Blut rinnt aus einer Platzwunde über sein Gesicht und vermischt sich mit dem Staub auf seiner Haut.

Von manchen Häusern steht nur noch die Fassade. // Foto: Anna Neifer

Von manchen Häusern steht nur noch die Fassade.

Tod und Leben sind nur Zentimeter voneinander entfernt. Manche sitzen in Hochhäusern oder auf Dächern fest, die Treppenhäuser sind weggebrochen. Jedes weitere Nachbeben könnte das restliche Gebäude zum Einsturz bringen. Die Menschen hoffen und warten auf Hilfe.

Cassie ist nach zwei Stunden Fußmarsch zu Hause angelangt. Den Weg über hat sie ihre Freundin an der Hand gehalten. Ihr Haus in der Truman Road steht wie zuvor und nur eine Welle im Küchenboden verrät, dass es ein Erdbeben gab. Der Kühlschrank und die Küchenschränke sind leer.

„Ich und meine fünf Mitbewohner waren gerade in das Haus eingezogen. Wir hatten einfach nichts zu Essen. Die Supermärkte waren zu, da war ja alles aus den Regalen gefallen“, erzählt Cassie. Auch die Strom- und Wasserversorgung ist unterbrochen. „Am Ende haben wir bei Freunden zu Abend gegessen und auf dem Grill gekocht. Dann kam der Strom zurück und wir haben die Bilder im Fernsehen gesehen. Wir hörten, dass viele Menschen gestorben waren. Das war der Moment, wo die Leute wirklich innerlich geschockt waren und einfach losheulten.“ Bei dem Gedanken daran muss Cassie schlucken und kurz die Augen schließen.

Der 22. Februar wird den Neuseeländern noch lange im Gedächtnis bleiben. Zwar sind die Menschen in Neuseeland auf starke Erdbeben gefasst. Laut dem Institut GNS Science werden pro Jahr auf dem Inselstaat mehr als 15.000 Erdbeben seismographisch erfasst. Allerdings sind nur 150 der Erschütterungen stark genug, um vom Menschen wahrgenommen zu werden. Und etwa zehn davon, haben das Potenzial Schäden anzurichten. Beim großen Beben in Christchurch starben 185 Menschen, 8.700 wurden verletzt gemeldet, zehntausend flüchteten aus ihrer Stadt. Von hunderten Häusern sind nur noch Bretterhaufen übrig, darunter begraben liegt das Leben ihrer Bewohner. Auch das Wahrzeichen der Stadt, eine Steinkathedrale auf dem zentralen Platz ist eingestürzt. Christchurch liegt am Boden.

Am 30. Juli 2012 wird der „Blueprint“ – der Plan für die zukünftige Innenstadt von Christchurch – der Öffentlichkeit vorgestellt. Fast anderthalb Jahre warteten die Menschen auf ein Zeichen für die Zukunft. Premierminister John Key präsentiert die Neuigkeiten mit dem Minister für den Erdbeben-Wiederaufbau, Gerry Brownlee. Die Pläne sind bunt und so stabil wie Seifenblasen. Herzstück des Ganzen ist ein Kongresszentrum und ein Stadion mit 35.000 Sitzplätzen. Der Wiederaufbau des Zentrums soll 30 Milliarden Neuseeländische Dollar kosten, umgerechnet etwa 18 Milliarden Euro. Ein Drittel will die Regierung geben, der Rest soll von privaten Investoren kommen. Wie das finanziert werden soll, ist noch unklar.

Während sich die Verantwortlichen drinnen für ihre gute Arbeit auf die Schulter klopfen, stehen vor den Türen des Gebäudes etwa 250 Demonstranten in der Kälte und halten Plakate hoch. Sie fordern, dass ihre Häuser zuerst repariert werden, bevor Geld in den Bau eines Stadions gepumpt wird.

Die Hausbesitzer sind sauer. Sie werden von ihren Versicherungen auf später vertröstet, erst in fünf Jahren sollen sie entschädigt werden. Vorher fließt kein Cent für die dringenden Reparaturen. Fünf lange Jahre sollen sie in den kaputten Häusern ausharren, darunter Familien mit Kindern. Sie fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen.

„Die Situation ist nicht ganz einfach“, sagt Tamati Paul. Das Haus seiner Eltern ist auch stark beschädigt worden, Geld erhalten haben sie bislang noch nicht. „Auf der einen Seite muss wieder Geld in die Stadt fließen. Und das klappt nur, wenn in das Zentrum investiert wird und die Geschäfte wieder laufen. Auf der anderen Seite, denke ich, dass vernünftige Zwischenunterkünfte die Priorität sein sollten, und nicht das Stadion.“

Ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung des Blueprint ist nicht viel passiert. „Überall in der Stadt sind Baustellen, der Boden wird aufgerissen und Rohre verlegt. Man sieht, es tut sich was. Aber das ist zu wenig, es geht viel zu langsam voran”, sagt Tamati. Das kleine Land, das zehnmal mehr Kühe als Einwohner zählt, scheint mit der Katastrophe überfordert. Seit dem Erdbeben sind heute zwei Jahre vergangen und in der Red Zone liegen Straßen im Dornröschenschlaf.

Das schlimmste ist die Ungewissheit, findet Tamati. Wird mein Haus die nächsten Monate überstehen? Kommt noch ein großes Beben? Die Menschen befinden sich in einem Schwebezustand und versuchen sich so gut es geht mit der Situation zu arrangieren.

Eine Fußgängerzone aus bunten Containern. // Foto: Anna Neifer

Eine Fußgängerzone aus bunten Containern.

Nach und nach verschwinden die bedrückenden schiefen Häuser, die Ruinen, die Stein- und Bretterhaufen am Straßenrand. Und auch die Erinnerung verschwimmt, war hier mein Lieblings Café oder doch zwei Häuser weiter? Häuser, Monumente, Cafés und Läden, die einmal zur Orientierung dienten, sind nicht mehr da. Überall in Christchurch entstehen Lücken. Die verblassende Erinnerung der Bewohner wird irgendwann ganz ausgelöscht sein, nur Fotos und Videos werden an das alte Christchurch erinnern.

Die Gap Filler (Lückenfüller) nutzen die leeren Flächen kreativ. Sie wollen der Stadt das Leben zurückgeben und Menschen wieder an einem Ort zusammenbringen. Sie bauen in den Lücken Bowlingbahnen, ein Kino, das seinen Strom aus Fahrrädern gewinnt, auf denen die Zuschauer strampeln. Einen Golfplatz gibt es in den Brachen und den „dance-o-mat“, eine Waschmaschine, die zur Jukebox umfunktioniert wurde. Es finden improvisierte Tanz-Auftritte statt und in den vergangenen zwei Monaten wurde ein Sommer Pavillon am Rande der Red Zone von Christchurch gebaut.

In der Nähe der Red Zone gibt es heute eine kleine Fußgängerzone. Ein paar Geschäfte und Cafés in bunten Containern. Für die Menschen in Christchurch gibt es wieder einen Ort, an dem man gemeinsam einen Kaffee trinken gehen kann. Aber so wie Christchurch war, wird es nie wieder sein.

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