Gefangen im braunen Netz: Nazis in Nadelstreifen

17. Februar 2013 von | 1 Kommentar

Nur Lagerfeuer oder schon Rechtsextremismus? Was harmlos wirkt, ist manchmal mehr als das. // privat

Rechtsradikale Jugendorganisationen beeinflussen ihren Nachwuchs seit Jahrzehnten. Heute sind die Kinder von damals groß. Einige terrorisierten die Republik, andere sind erfolgreiche Geschäftsleute. Verbindungen sollen angeblich bis heute bestehen.

Als Martina Rabelo das erste Kind des Nazis in sich trägt, ahnt sie nicht, dass damit ihr Leben zur Hölle wird. Es ist Anfang der Siebziger Jahre. Die Mutter von Martina Rabelo liest die Deutschen Nachrichten, sympathisiert mit den Nationalen und schickt ihre Tochter zum Bund Heimattreuer Jugend. Martina liebt dort das Singen und Wandern. Und irgendwann auch einen jungen Nazi. Sie wird von ihm schwanger und ihre Eltern wollen, dass sie den Nazi heiratet. Martina gehorcht – wie so oft in ihrem Leben.

30 Jahre später sitzt Martina Rabelo im Essener Unperfekthaus. Ihren richtigen Namen will sie auf keinen Fall in der Zeitung lesen. Sie hat Angst um ihre Kinder – und um sich selbst. Sie nimmt in einem der verwinkelten Räume Platz und unterbricht ihre Geschichte, sobald jemand durch die Tür schaut.

Martina Rabelo hat viel gelitten in den vergangenen Jahren, trotzdem will sie reden. Sie hat sich nach den Anschlägen der rechtsextremen Terrorgruppe NSU gemeldet. Weil sie jahrzehntelang in der rechten Szene gelebt hat und weil sie glaubt, dass es in Deutschland ein Netzwerk rechtsextremer, alter Männer gibt. Ein Netzwerk ehemaliger Jugendfreunde aus dem damaligen Bund Heimattreuer Jugend, dem sie jahrelang angehörte. Männer, die heute reich und unauffällig unter uns leben. Die aber in ihren Herzen noch Nazis sind. Nazis in Nadelstreifen.

Nordisches Erbgut
Nach der Hochzeit bekommt Martina Rabelo eine ganze Hand voll Kinder. “Ich sollte möglichst viel Nachwuchs gebähren, ich hatte nordisches Erbgut”, sagt Rabelo. “Mein Mann hielt sich für einen germanischen Zuchtbullen, der sich in einer germanischen Frau fortpflanzen wollte.” Dem rechten Ideal entsprechend: blond, kräftig, schön.

Ihr Mann hält Kontakt zu seinen Nazi-Freunden in ganz Deutschland. Und nicht nur das: Er berichtet auch dem Verfassungsschutz darüber. Im Einverständnis mit seinen Nazi-Freunden und nach Rücksprache mit dem damaligen Chef des Bundes Heimattreuer Jugend erzählt er den Beamten für ein stattliches Honorar Lügen über die Szene. Irmin H. führt ein Doppelleben, Martina Rabelo macht den Haushalt. “Die Frau hat am Herd zu stehen, hat mein Mann immer gesagt.”

Paten der Kinder werden die Nazi-Freunde aus dem Bund Heimattreuer Jugend. Ein Hort, der sie völlig umschließt, in dem sie aufgeht. Sich selbst entfalten darf Rabelo nicht. “Je mehr ich mich befreien, etwas eigenes auf die Beine stellen wollte, desto aggressiver wurde mein Mann.” Irgendwann, erzählt Rabelo, schlägt ihr Mann sie. “Gewalt hat es oft gegeben, auch gegen die Kinder.” Rabelo bleibt trotzdem bei ihm, ihre Eltern akzeptieren eine Scheidung nicht und stellen sich auf die Seite ihres Mannes.

Die Familie wohnt in einem Haus, das Rabelo gehört. Ihr Mann ist offiziell nur Mieter. Als sich die beiden endgültig zerstreiten, zahlt er jahrelang keine Miete, angeblich hat er kein Geld. Als es zur Zwangsversteigerung kommt, übernimmt er das Haus mit der Hilfe seines gesparten Geldes und einer Bekannten. So erzählt es Rabelo.

Am 1. Dezember 1999 bringt sich einer der Söhne um, hängt sich auf im eigenen Haus. Irmin H. macht seine Frau für den Tod des Sohnes verantwortlich, sie habe die Kinder gegen ihn aufgehetzt. Rabelo nimmt ihre zwei jüngsten Kinder mit und zieht von Süddeutschland ins Ruhrgebiet. Zu einem Teil ihrer Kinder hat sie keinen Kontakt mehr, Irmin H. wohnt bis heute in ihrem Haus.

Ein weit verzweigtes Netzwerk?
In Deutschland gibt es Dutzende rechte Gruppen. Für Martina Rabelo bilden diese Gruppen ein weit verzweigtes Netzwerk, ein Netz von Nazis in Nadelstreifen: Bio-Höfe in Mecklenburg-Vorpommern, Ausbildungslager bei Weimar, Fahrten in die Lüneburger Heide, Sympathisanten in Braunschweig, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und im Allgäu. Unterstützer soll es in Österreich geben und in Norditalien. Dazu Verbindungen zur Münchner Burschenschaft Danubia und ins belgische Diksmuide. In NRW scheint es laut Rabelo Verbindungen zur rechten Splitterpartei Pro NRW zu geben.

Der Kontakt zwischen den Alt-Nazis ist oft relativ eng. “Die Seilschaft der damals jungen Männer besteht heute noch. Egal ob BHJ, Freibund, Wiking-Jugend oder Heimattreue Deutsche Jugend: Die machen einen Verein zu und den nächsten wieder auf. Die Leute sind immer noch die gleichen, die treffen sich heute noch alle paar Monate”, sagt Rabelo. “Und ihre Doktrin ist auch noch immer die gleiche: Ein sauberes Deutschland soll es sein. Nur sagen sie das jetzt nicht mehr so offen.”

Je weniger die Organisationen offen für den Rechtsextremismus eintreten, desto schwieriger wird es für Experten und Verfassungsschützer, hinter die Fassade zu schauen. Deshalb ist es schwer, Rabelos Geschichten zu belegen. Verfassungsschützern sind einige der von ihr genannten Namen bekannt, Informationen wollen sie keine geben. Anhaltspunkte im Internet, in Archiven und aus Gesprächen mit Experten lassen Rabelo in großen Teilen glaubwürdig erscheinen, an einigen Stellen hat die Geschichte Lücken.

Eines aber ist gesichert: Die ehemaligen Führer der rechtsextremen Jugendbünde sind heute gut verdienende Geschäftsmänner: Ein Promi-Arzt aus NRW ist dabei, der Präsident einer Versicherung, ein Unternehmer. Ihr Netzwerk wurzelt in den Siebziger Jahren. Damals fuhren sie gemeinsam auf große Fahrt.

Auf einer dieser Fahrten lernt Martina Rabelo Anfang der Siebziger Jahre ihren späteren Mann kennen, Irmin H.. Dessen Vater kämpft im zweiten Weltkrieg unter Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, ist im nationalen Freundeskreis der NPD aktiv, schreibt rechtsradikale Aufsätze. H., der aus einem kleinen Dorf in Bayern kommt, engagiert sich im Bund Heimattreuer Jugend. “Die Heimat, das waren fünf Häuser im Wald. Man will ja auch mal andere Kontakte haben. So war ich in Braunschweig, Hamburg, München, Ostdeutschland und Belgien. Das war toll”, erklärt sich H. am Telefon, als er endlich bereit ist, wenigstens ein paar Minuten über seine Vergangenheit zu sprechen.

“Wir werden in die rechte Ecke gerückt, dabei waren wir nur Jugendliche, die deutsches Kultur- und Liedgut nicht negativ betrachtet haben”, sagt H., der heute einen Gartenbaubetrieb im Süden Deutschlands führt. “Ich war damals auch in der jungen Union.” Schon mit 18 Jahren, als er noch zur Schule ging, habe ihn der Verfassungsschutz angeworben, über den Bund Heimattreuer Jugend zu berichten.

Gemeinsam besuchen die jungen Rechten damals Konrad Windisch, einen österreichischen Nazi, und werden von diesem zu “La Bohème” in die Wiener Oper eingeladen. Irmin H. ist damals Bundesfahrtenführer und organisiert die Lager für den Bund Heimattreuer Jugend, später wird er zum zweiten Bundesführer. Heute, sagt Irmin, habe er zu keinem seiner damaligen Freunde noch Kontakt. Mit seinem eigenen Betrieb und dem Vorsitz im Obst- und Gartenbauverein habe er genug zu tun.

Im Vorstand aktiv ist damals auch Ulrich W., heute der Chef einer Versicherung. Auf mehrere Gesprächsanfragen reagiert er nicht. Seine Pressesprecherin richtet aus, er wolle dieses private Thema heute lieber nicht mehr diskutieren. Außerdem sei das Ganze ja auch schon mehrere Jahrzehnte her. Zu einem persönlichen Treffen ist nur Gernot M. bereit, bis 1977 Führer des Bundes Heimattreuer Jugend. Martina Rabelo beschreibt ihn als die Spinne im Netz, “den gedanklichen Führer”.

“Kämpfer für die Einheit unseres Reiches”

Jedes Volk brauche „Raum zum Leben, dieser Raum muß jedoch erkämpft werden“, schreibt Gernot M. damals als Bundesführer des BHJ in einem Manifest. Man müsse sich auch als „Kämpfer für die Einheit unseres Reiches in einer verworrenen Zeit“ verstehen. Gernot M., der aus einem politisch rechten Elternhaus kommt, will solche Aussagen heute im Licht der Zeit verstanden wissen. Damals sei man nunmal konservativer gewesen.

In einem Düsseldorfer Edel-Bistro verabredet er sich zum Gespräch. “Sie können sich ja vorstellen, dass ich kein Interesse habe, meinen Namen bei diesem Thema in der Zeitung zu lesen.” M. wirkt nervös und überheblich zugleich. “Ach, die alten Geschichten”, sagt er lachend und betont mehrfach, wie einflussreich seine Patienten seien, auch in der Zeitungsbranche.

Als er im Gespräch erfährt, dass sein Freund Irmin H. zugegeben hat, für den Verfassungsschutz gearbeitet zu haben, ist M. überrascht. “Aber ja, das stimmt, es sind immer mehrere unserer Mitglieder parallel vom Verfassungsschutz angeworben worden. Die sind immer zuerst zu mir gekommen und haben gefragt, ob das in Ordnung ist.” Natürlich habe er sein Ok gegeben, er habe ja nichts zu verstecken gehabt. Den Einfluss des BHJ würden die meisten damals wie heute ohnehin überschätzen. Maximal 400 Mitglieder habe der Bund zu seinen besten Zeiten gehabt. Die Lager damals seien zudem nicht rechtsradikal gewesen, eher seien sie mit Pfadfinder-Lagern zu vergleichen.

M. betont, dass sich der Bund Heimattreuer Jugend unter seiner Führung von der stramm rechtsradikalen Wiking-Jugend distanziert habe. Und dass er 1977, ehe er mit dem Studium in Göttingen begann, im Streit gegangen sei. “Man entwickelt sich weiter. Für mich war diese Art von Jugendbund nichts mehr, das Denken war mir zu eng”, sagt M. “Mein Gott, was hatten wir damals für ein Weltbild? Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar.” Dennoch sei die Zeit als Bundesführer “eine tolle Zeit” gewesen. Heute habe er das Kapitel Bund Heimattreuer Jugend lange abgeschlossen.

Obwohl Gernot M. Patenonkel der Tochter von Irmin H. ist, habe er jahrelang keinen Kontakt mehr zu seinen ehemaligen Kollegen gehabt. Seit dem Tod von Irmins rechtsradikalem Vater vor einem Jahrzehnt – so behaupten Irmin und Gernot – hätten sie sich nicht mehr gesehen.

Den Straßenkampf mit Geld unterstützen?
Martina Rabelo behauptet das Gegenteil: Die Jung-Nazis von damals stünden bis heute regelmäßig in Kontakt. Wolfgang Gessenharter glaubt, dass auch ältere Rechtsextreme gefährlich sein können – wenn sie den Jüngeren finanziell zur Seite stehen. Gessenharter hat jahrzehntelang als Professor zu Rechtsextremismus geforscht. „Wenn sie schon für Demonstrationen und den Straßenkampf nicht mehr in Frage kommen, so wollen die alten Nazis den Kampf doch wenigstens mit Geld unterstützen“, sagt er. Das glaubt auch Martina Rabelo: „Die stehen hinter denen, die marschieren. Die haben das Geld, um die erste Reihe zu unterstützen.“

Rabelo braucht Jahrzehnte, um sich aus den Fängen ihres rechtsextremen Mannes zu lösen. Lange duldet sie, irgendwann versucht sie den Ausbruch. Ihre Eltern stellen sich selbst nach dem Selbstmord ihres Sohnes auf die Seite von Irmin H.. Trotzdem nimmt Rabelo reißaus. Heute ist sie geschieden. Ihre Söhne und Töchter leben über Deutschland verteilt, haben Kontakte zu Rechtsextremen im Osten und zur stramm rechten Münchner Burschenschaft Danubia.

Martina Rabelo lebt heute mit ihren zwei jüngsten Kindern im Ruhrgebiet.

[Update: Wir hatten ursprünglich berichtet, dass Rabelo ihre übrigen Kinder an den Rechtsextremismus verloren hat. Kinder und Mutter weisen übereinstimmend darauf hin, dass dies falsch ist.]

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Der Bund Heimattreuer Jugend soll zu seiner besten Zeit 500 bis 1000 Mitglieder gehabt haben. Die Organisation besteht bis heute und nennt sich mittlerweile Freibund. Auch Odfried Hepp ist in der Siebziger Jahren Mitglied des BHJ. Später wird er zum Terroristen. Hepps Geschichte erzählen wir hier.

1 Kommentar zu diesem Beitrag

  1. #1

    [...] Gefangen im braunen Netz: Nazis in Nadelstreifen (WAZ Rechercheblog) – [...]

    Links anne Ruhr (18.02.2013) » Pottblog am 18. Februar 2013 um 05:24

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