NSU-Helfer und Sprengstoffbeschaffer mit Hang zu Dortmund

14. Februar 2013 von | 2 Kommentare

Dortmunder Anhänger von Blood & Honour waren in ganz Deutschland unterwegs. Hier auf einem Konzert im Saarland.

Die Verflechtung der gewaltbereiten Dortmunder Naziszene mit dem Netzwerk rund um den terroristischen „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) war nach Recherchen der WAZ dichter als bislang bekannt. So liegen der WAZ Abhörprotokolle der Handys einiger Personen aus dem NSU-Helferkreis vor. Aus den Verbindungsdaten dieser Protokolle geht hervor, dass der Sprengstofflieferant der NSU-Terroristen, Thomas S., Ende der Neunziger Jahre häufig in Dortmund war. Er hat im Großraum Dortmund gearbeitet und hielt offenbar auch Kontakt zu Neonazis aus Dortmund. Der Kontakt zu den gewaltbereiten Rechtsradikalen wird durch Papiere bestätigt, die der WAZ aus dem innersten Kreis der Naziszene im Ruhrgebiet zugespielt wurden. In den Unterlagen wird Thomas S. Ende der Neunziger Jahre als Kontaktmann gewaltbereiter Ruhrgebiets-Nazis im Osten geführt.

Die Information ist brisant. Ende der 90er-Jahre radikalisierten sich Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe im Osten und gründeten den NSU. Nahezu gleichzeitig radikalisierten sich auch Neonazis im Ruhrgebiet. Gerade die Dortmunder schmuggelten über Kontaktpersonen Sprengstoff und Waffen aus Belgien nach Dortmund, die von hier aus weiter verkauft wurden. Aus den Reihen dieser Nazis ging auch der Dortmunder Mörder Michael Berger hervor, der im Jahr 2000 drei Polizisten tötete, bevor er sich selbst erschoss.

In einer abgefangenen SMS von Thomas S. an einen Kontaktmann in Chemnitz heißt es über einen Aufenthalt im Großraum Dortmund: „Bin gestern Nachmittag mal hier ein Stück gelaufen, nur Türken, da fällt dir nichts mehr ein.“ Der Ostdeutsche Kontaktmann aus dem NSU-Umfeld antwortet per SMS: „Isses so schlimm mit den Kanaken? Da weiß man ja, wo nächstes Mal aufgeräumt werden muss.“ Ein anderer NSU-Helfer schrieb zurück: „88 Grüße aus der Wolfsschanze.“

Der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubaşık wurde am 4. April 2006 ermordet. Bei den Ermittlungen im Fall des NSU-Mordes in Dortmund gab es bereits früher als bislang bekannt Hinweise auf einen Täter aus der Nazi-Szene. Nach Recherchen der WAZ sagte eine Zeugin direkt nach dem Mord an Mehmet Kubaşık vor der Polizei aus, sie habe zwei Männer mit einem Fahrrad wenige Minuten vor dem Mord unmittelbar am Tatort beobachtet. Die Zeugin sagte weiter aus, sie habe einen der Männer genauer betrachtet. Sie habe ihn „für einen Junkie bzw. einen Nazi“ gehalten. Die Nazispur wurde von der Sonderkommission den Informationen zufolge allerdings nicht verfolgt.

Stattdessen verschwand das Wort „Nazi“ nach und nach aus den Sachstandsberichten der Polizei. Es ist zunächst noch von einem deutschen, alkoholisierten Junkie die Rede, später von einem möglicherweise Drogenabhängigen, den die Zeugin gesehen habe. In der Sonderkommission Bosperus, die die Morde des NSU untersuchte, verfolgte die Polizei vor allem Spuren, die ins Umfeld einer angeblichen türkischen Mafia führten.

Gewalttaten mit Nazi-Hintergrund sind in Dortmund keine Seltenheit. Wie gesagt erschoss der Nazi Berger im Jahr 2000 drei Polizisten. Im März 2005 erstoch der rechtsradikale Gewalttäter Sven K. den Punker „Schmuddel“. Am 24. März 2006 – nur wenige Tage vor dem Mord an Mehmet Kubaşık – wurden die Neonazis Dennis G. und Dietrich S. wegen Landfriedensbruchs, Nötigung und Sachbeschädigung zu drei Wochen Dauerarrest bzw. Geldstrafe von 2700 Euro verurteilt. Sie hatten eine Trauer-Demonstration für den erstochenen Punker „Schmuddel“ überfallen. Anfang 2007 schoss der Rechtsradikale Robin S. einen Tunesier in einer Plus-Filiale nieder.

Allen diesen Taten ist gemein, dass die Täter den gleichen politischen Hintergrund haben. Alle gehörten dem Umfeld der Nazi-Kameradschaftn Dortmund an, in dem die Ideologie des bewaffneten Kampfes gegen Andersdenkenden diskutiert wurde. So waren die Täter mit Mitgliedern des verbotenen Netzwerk „Blood & Honour“ verbandelt oder gehörten dem Netzwerk selber an. Dieses Netz wollte den internationalen Kampf der Nazis forcieren. Dazu soll sich in Dortmund eine Zelle des militärischen Arms von “Blood & Honour”, des so genannten “Combat 18″ gebildet haben. Informationen aus dem Umfeld der NRW-Verfassungschutzes zufolge soll der Nazi Robin S. dieser “Combat 18″-Zelle angehört haben. In den Unterlagen Dortmunder „Blood & Honour“-Anhänger findet sich der handschriftliche Bauplan einer primitiven Rohrbombe sowie Angriffskizzen auf Andersdenkende. Die Papiere liegen der WAZ vor.

Die Dortmunder Nazis standen ideologisch dem Terroristen-Netzwerk des „Nationalsozialistischen Untergrund (NSU)“ nahe. Auch dieser hatte nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft seine Wurzeln in der Idee des so genannten „führerlosen Widerstands” des “Blood & Honour”-Netzwerkes. Was das ist, beschreibt die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe: Die NSU-Mörder Uwe Bönhart und Uwe Mundlos hätten sich sowohl hinsichtlich der Organisation ihres Lebens im Untergrund als auch hinsichtlich der einzelnen Mordanschläge an den “Blood & Honour” – Schriften “The Way Forward” (Der Weg vorwärts) und “Field Manual” (Kampfvorschrift) orientiert. In diesen Strategiepapieren wird eine hierarchiefreie und zellenorientierte Organisation für Terror-Akte gefordert, um Migranten und Andersdenkende in Angst und Schrecken zu versetzen.

Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Auswahl der Tatortes im Dortmunder Norden nicht zufällig. Wie aus Unterlagen hervorgeht, die der WAZ vorliegen, spähten die Nazi-Terroristen mehrere mögliche Tatorte in Dortmund aus. Letztendlich schlugen die Terroristen aus Thüringen in einem Kiosk zu, der zwischen den Kneipen „Deutscher Hof“ und „Thüringer Hof“ auf der Mallinckrodtstrasse lag. In beiden Kneipen trafen sich regelmäßig nahezu alle Gewalttäter aus dem Dortmunder Naziumfeld. Besonders der „Deutscher Hof“ war oft Schauplatz von regelrechten Nazi-Familienfeiern. Eine Quelle aus dem Verfassungsschutz sagte der WAZ, es liege nahe, dass der NSU-Mord an Mehmet Kubaşık als ein Fanal an die Dortmunder Gesinnungsgenossen gedacht war, Migranten zu töten.

Tatsächlich konnten die Terroristen des NSU auf Beziehungen nach Dortmund zurückgreifen. Wie aus den Verbindungsdaten von abgefangenen Mobiltelefonaten hervorgeht, die der WAZ vorliegen, hielt sich etwa der NSU-Unterstützer Thomas S. aus Chemnitz gerade in den Anfangsjahren des NSU regelmäßig in Dortmund auf. Thomas S. hat vor der Bundesanwaltschaft gestanden, in den neunziger Jahren Sprengstoff an die Terrorzelle um Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe geliefert zu haben. Die Generalbundesanwaltschaft ermittelt gegen Thomas S.

Weder der Verfassungsschutz noch die Dortmunder Polizei wollten sich zu den Aktivitäten von „Blood & Honour“ oder „Combat 18“ in Dortmund äußern. Auch zu den Aktivitäten von Thomas S. in Dortmund gaben die Behörden keine Auskunft. Aus einem internen Schreiben des Verfassungsschutzes geht lediglich hervor, dass es im Jahr 2003 „vage Indizien“ gegeben habe, dass sich ein „kleiner Personenkreis“ in NRW für Combat 18 interessiere oder sich selbst „Combat 18 Strukturen zurechne“.

Die Bundesanwaltschaft sagte auf Anfrage: „Tatsächliche Anhaltspunkte für eine Beteiligung ortskundiger Dritter an den Anschlägen des NSU oder eine organisatorische Verflechtung mit anderen Gruppierungen haben die Ermittlungen nicht ergeben.“ Weitere Auskünfte würden zurzeit nicht erteilt.

Sprengstofflieferant Thomas S.

NSU-Helfer Thomas S. vor Gericht

Thomas S., Jahrgang 1967, war Mitte der 90er-Jahre einige Zeit mit der mutmaßlichen NSU-Terroristin Beate Zschäpe liiert. Wie aus den vorliegenden Unterlagen hervorgeht, hielt er Kontakt zu fast allen Führungsleuten des militanten Nazi-Netzwerkes „Blood & Honour“. Unter anderem zu dem Berliner „Blood & Honour“-Führungsmann Stephan Lange alias „Pinocchio“.

Der Bundesanwaltschaft gestand Thomas S., dass er Sprengstoff für den NSU besorgt hat.

Zudem wurde bekannt, dass Thomas S. bis ins Jahr 2011 hinein V-Mann des Berliner LKA war.

Informationen zu Thomas S. waren in den Akten des Verfassungsschutzes, die geschreddert wurden.

Gutachter verneinten allerdings eine Vertuschungsabsicht der Behörden.
Die Bundesanwaltschaft ermittelt weiter gegen Thomas S.

2 Kommentare zu diesem Beitrag

  1. #1

    [...] Terror: NSU-Helfer und Sprengstoffbeschaffer mit Hang zu Dortmund…WAZ-Recherche [...]

    Der Ruhrpilot | Ruhrbarone am 15. Februar 2013 um 06:22
  2. #2

    Bei den Mitgliedern des NSU handelt es sich nicht um Rechtsradikale, sondern um Rechtsextreme, was ein Unterschied ist. Aufpassen!

    Vergeltung am 18. Februar 2013 um 00:06

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